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Die vier historischen Ernüchterungen

Nüchternheit. Eine Tugend Die vier historischen Ernüchterungen – Der schmerzhafte Lernweg der Moderne Ereignisse werden „Geschichte" durch Deutung, d.h. sie haben immer auch eine Bedeutung, sobald sie in einem Kontext und mit einer Absicht erzählt werden. Zu erzählen „wie es wirklich war", „warum es so ist, wie es ist", „wie es dazu kommen konnte", „woher ich stamme" und so fort. Geschichte ist niemals „neutral". Und es gibt „Ereignisse" bzw. Erzählungen, die in sich eine große Ernüchterung tragen, selbst wenn sie nicht als solche erzählt worden sind oder erzählt werden: Sie tragen eine Verletzung in sich, weil sie von einer berichten oder weil sie selbst eine darstellen. Solche Ereignisse nenne ich „historische Ernüchterungen". Sie sind konkret, aus Quellen erhebbar und zugleich hermeneutisch mehrdeutig. Sie berichten von Erschütterungen, die tief in das kulturelle Gedächtnis eingesenkt sind und darum eine der Quellen jenes Zornes, jener Fr...

Die vier metaphysischen Ernüchterungen

 Die vier metaphysischen Ernüchterungen Kopernikus: Ab aus der Mitte Der Name des polnischen Gelehrten Nikolaus Kopernikus steht für den Beginn dessen, was wir heute „die Moderne" nennen. Mit ihm verband sich das Ende eines Weltbildes, das die Erde und den Menschen im Mittelpunkt des Universums sah. Aus Beobachtungsdaten und mit mathematischen Verfahren belegte Kopernikus, dass sich die Erde in einer elliptischen Umlaufbahn um die Sonne bewegt - wenige Jahre nach der sogenannten Entdeckung Amerikas und während der Reformationszeit. Dass er dabei selbst ein zutiefst religiöser Mensch war, der in seinen Berechnungen eher die Geheimnisse der Schöpfung lüften als sie erschüttern wollte, gehört zu den Ironien der Wissenschaftsgeschichte. Oder zu ihren Fehlinterpretationen – dazu komme ich auch noch! Doch die Erschütterung, die Kopernikus' Entdeckung auslöste, ging tiefer als die bloße Korrektur eines Weltbildes. Die Erde war nicht mehr der behütete Mittelpunkt eines göttlich einger...

Motto

 „Alles ist eitel. Das Einzige, was wirklich wichtig ist, ist die Fähigkeit, es klar zu sehen und ihn in unserer Antwort gerecht zu werden, was untrennbar mit Tugendhaftigkeit verbunden ist“  „Man könnte sagen, dass wahre Moral eine Art nichtesoterischer Mystizismus ist, da ihre Quelle in einer nüchternen und ungetrösteten Liebe für das Gute besteht“  Iris Murdoch Die Souveränität des Guten über andere Begriffe, in: Die Souveränität des Guten, 2023, 103. 108 Einladung Disposition und Themen l Nüchternheit und die große Gereiztheit 1 Nüchternheit und die große Gereiztheit Teil 2 Nüchternheit und die Große Gereiztheit Teil 3

Werkzeuge der Nüchternheit

  Werkzeuge der Nüchternheit Einleitung Nüchternheit als Tugend zu beschreiben ist eine Sache. Eine andere ist, zu zeigen, wie sie sich einüben lässt. Es war schon immer eine Schwäche von Tugendethiken, dass sie zwar kluge Modelle guten Handelns entwarfen - und dann bei Appellen stehenblieben. Appelle, die bekanntlich nutzlos sind. Sie betonen zwar den Trainingscharakter von Ethik, aber konkrete Trainingsprogramme werden eher selten entwickelt. Das ist einer der Gründe, warum Tugendethiken in Verruf gerieten und als wenig plausibel galten. Auf der anderen Seite ist bloßes Coaching übriggeblieben, das auf Reflektion tendenziell eher verzichtet und auf Handlungsoptimierung aus ist. Bei Tugenden geht es aber immer auch zuerst um eine Haltungsveränderung, der eine Wahrnehmungsveränderung korrespondiert. Im Folgenden möchte ich vier sehr elementare „Tools“ vorstellen, mit denen man eine nüchterne Haltung gewinnen kann. Das wird zu diesem Zeitpunkt ein bisschen oberflächlich wirke...