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Nüchternheit und die „Drama Queen"

  Nüchternheit und die „Drama Queen" „Das ist die größte Katastrophe meines Lebens" – gesagt über einen gecancelten Friseurtermin.  „Ich bin am Boden zerstört" – wegen einer Nachricht, die zwanzig Minuten auf sich warten ließ.  „Das ist so übergriffig" – über eine harmlose Bemerkung am Arbeitsplatz.  „Du zerstörst gerade meine ganze Erziehung" – zum Partner, weil er dem Kind ausnahmsweise ein zweites Eis erlaubt hat.  „Diese Abstimmung ist eine Schicksalsfrage für Europa" – über ein Verfahrensdetail in der Geschäftsordnung. Das sind, klassisch gesagt, einfach Übertreibungen. Aber es gibt einen ganzen Habitus, der darauf beruht, und ich habe durchaus den Eindruck, dass der epidemisch geworden ist und verdichte das daher in die Figur der „Drama Queen“. Sie ist nach kollektivem Geschrei und „gesundem Menschenverstand“ die dritte Verhaltensform, die ein nüchternes Wahrnehmen, Abwägen und Entscheiden schwer macht. Und damit kein falscher Eindruck entste...

Nüchternheit und der „gesunde Menschenverstand"

  Nüchternheit und der „gesunde Menschenverstand"   „Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand!"  Der Appell an den „gesunden Menschenverstand" gilt als entscheidendes Argument – wer ihn besitzt und einsetzt, ist vernünftig; wer ihn anzweifelt, ist weltfremd, übertheoretisiert, abgehoben und neuerdings, in völliger Verkennung der Bedeutung des Begriffs, "woke". Der gesunde Menschenverstand gibt sich als die nüchterne Haltung schlechthin aus.  Darum verdient er einen genaueren Blick. Gerade die mit ihm oft verbundene auftrumpfende Selbstgewissheit macht misstrauisch.   Aus einer Redewendung, die noch vor wenigen Jahrzehnten in der Umgangssprache  so etwas wie den (gutbürgerlichen) Alltagsverstand meinte (unter dessen Schirmen ich in einer Handwerker-Bauernfamilie zum Beispiel großgeworden bin), ist eine ideologisch anmutende Kampfmetapher geworden, ein rhetorisches Werkzeug, das einen großen Begriff bemüht, um begriffliche Schärfe gerade zu ve...

Die vier historischen Ernüchterungen

Nüchternheit. Eine Tugend Die vier historischen Ernüchterungen – Der schmerzhafte Lernweg der Moderne Ereignisse werden „Geschichte" durch Deutung, d.h. sie haben immer auch eine Bedeutung, sobald sie in einem Kontext und mit einer Absicht erzählt werden. Zu erzählen „wie es wirklich war", „warum es so ist, wie es ist", „wie es dazu kommen konnte", „woher ich stamme" und so fort. Geschichte ist niemals „neutral". Und es gibt „Ereignisse" bzw. Erzählungen, die in sich eine große Ernüchterung tragen, selbst wenn sie nicht als solche erzählt worden sind oder erzählt werden: Sie tragen eine Verletzung in sich, weil sie von einer berichten oder weil sie selbst eine darstellen. Solche Ereignisse nenne ich „historische Ernüchterungen". Sie sind konkret, aus Quellen erhebbar und zugleich hermeneutisch mehrdeutig. Sie berichten von Erschütterungen, die tief in das kulturelle Gedächtnis eingesenkt sind und darum eine der Quellen jenes Zornes, jener Fr...