Die vier metaphysischen Ernüchterungen

 Die vier metaphysischen Ernüchterungen

Kopernikus: Ab aus der Mitte

Der Name des polnischen Gelehrten Nikolaus Kopernikus steht für den Beginn dessen, was wir heute „die Moderne" nennen. Mit ihm verband sich das Ende eines Weltbildes, das die Erde und den Menschen im Mittelpunkt des Universums sah.

Aus Beobachtungsdaten und mit mathematischen Verfahren belegte Kopernikus, dass sich die Erde in einer elliptischen Umlaufbahn um die Sonne bewegt - wenige Jahre nach der sogenannten Entdeckung Amerikas und während der Reformationszeit. Dass er dabei selbst ein zutiefst religiöser Mensch war, der in seinen Berechnungen eher die Geheimnisse der Schöpfung lüften als sie erschüttern wollte, gehört zu den Ironien der Wissenschaftsgeschichte. Oder zu ihren Fehlinterpretationen – dazu komme ich auch noch!

Doch die Erschütterung, die Kopernikus' Entdeckung auslöste, ging tiefer als die bloße Korrektur eines Weltbildes. Die Erde war nicht mehr der behütete Mittelpunkt eines göttlich eingerichteten Kosmos, sondern Teil eines Mechanismus, der sich wie eine Uhr beschreiben ließ. Der Mensch schaute nicht mehr nur von der Erde in den Himmel; er blickte, mithilfe von Mathematik, gleichsam von außen darauf - und die Bedeutung, die er sich selbst zugeschrieben hatte, schwand. 

Es war ein Aufbruch aus einem starren Weltbild, in dem der Mensch behütet und geborgen im inneren einer Blase lebte, wie der Philosoph Peter Sloterdijk es griffig beschreibt.  In seiner Sphären-Trilogie entfaltet er, wie der Mensch immer in selbst erzeugten Schutzhüllen gelebt hat - in kosmischen, religiösen, kulturellen Blasen, die ihm das Gefühl gaben, geborgen und orientiert zu sein. Durch kopernikanische Wende platzte die äußerste dieser Blasen: der Himmel als Behausung Gottes, der die Erde umschließt und schützt. Was blieb, war offener Raum - unermesslich, gleichgültig, ohne Mitte. Eine Erfahrung, die Sloterdijk als „Exposition“ beschreibt: der Mensch steht plötzlich draußen, ungeschützt, ohne jenes Dach über dem Kopf, das er für die Wirklichkeit selbst gehalten hatte, nicht mehr im Innern einer Kugel, sondern auf der Oberfläche einer Steinkugel, die mit unvorstellbaren Geschwindigkeiten um die Sonne rast, zusammen mit den anderen Planeten: Ein Jahrhundert später sollte Galileo Galilei mit Hilfe des gerade erfundenen Teleskopes nachweisen, dass auch die Sonne nur ein Stern unter Sternen war und dass auch die anderen Planeten Monde hatten. Das biblische und antike Weltbild, oder das, was mehrheitlich dafür gehalten wurde, war erledigt, und zwar nachhaltig.

Das ist auch eine nicht zu unterschätzende Kränkung des Alltagsverstandes: das, was wir wahrzunehmen meinen, stimmt schlicht nicht. Wir sagen: „Die Sonne geht auf." Aber die Sonne geht nicht auf. Die Erde dreht sich unter ihr weg. Das ist der natürlichen Erfahrung nicht zugänglich - es muss gewusst werden. Mit der kopernikanischen Wende mutet die Wissenschaft uns zu, unserer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen und eine Sicht der Dinge zu übernehmen, die oft unanschaulich und kontraintuitiv ist. Die Grundlage der modernen Wissenschaft ist der Zweifel als Methode. Das muss man aushalten. Damit ist für die Orientierung in der Welt  Bildung  - wissenschaftliche Bildung – unverzichtbar. Es dürfe niemandem entgehen, wie in weiten Teilen der Welt gerade auf diese Kränkung reagiert wird, auch da war die Covid-Epidemie ernüchternd. 

Es ist bemerkenswert, was die Naturwissenschaft an Kränkung und Demütigung des gesunden Menschenverstandes (dem ich mich auch noch zuwenden werde) leistet: Sie erweitert unsere Sinne durch Instrumente - Teleskop, Mikroskop, Teilchenbeschleuniger, Gehirnscanner -, und was diese erweiterten Sinne zeigen, ist in weiten Teilen das Gegenteil dessen, was die unverstärkten Sinne nahelegen. Die Technik macht sichtbar, dass wir uns täuschen. 

Offenbar sind unsere Sinnesorgane auf eine mittlere Reichweite und eine mittlere Ereignisdichte kalibriert -  auf das, was für das Überleben eines Jägers und Sammlers relevant war. Im kosmischen Maßstab versagen sie. Im subatomaren Bereich versagen sie. Bei sehr langsamen oder sehr schnellen Prozessen versagen sie. Und jede Weltanschauung, die sich auf bloße Sinneswahrnehmung beruft, steht damit unter einem strukturellen Verdacht: Sie könnte Mythos sein - eine Erzählung, die die begrenzte Perspektive des Menschen für die Wirklichkeit hält. Die kopernikanische Wende ist in diesem Sinne nicht nur eine astronomische Entdeckung, sondern eine epistemische: Sie zeigt, dass das, was sich unmittelbar aufdrängt, systematisch falsch sein kann. 

Der Soziologe Max Weber hat dafür den Begriff der „Entzauberung der Welt" geprägt: An die Stelle geheimnisvoller schöpferischer Kräfte treten Naturgesetze, die keinen unbewegten Beweger mehr benötigen. Ein Kosmos, der völlig interessenlos und moralisch indifferent nach Gesetzen abläuft. Die Moderne ist das Zeitalter der entmythologisierenden Kontraintuitivität.

Und doch war diese erste Ernüchterung noch vergleichsweise gut zu verkraften. Ein Kosmos, der wie ein Uhrwerk funktioniert, lässt sich mit einem allmächtigen Gott noch in Einklang bringen: Man muss ihn nur als „Ingenieur“ denken, nicht als Insassen, Teilnehmer oder leidendes Gegenüber. Die besondere Stellung des Menschen als vernunftbegabtem, erkennendem Wesen wurde durch Kopernikus eher deutlicher - er schaute nun gewissermaßen Gott zu. Es war zwar eine große Ernüchterung, aber nur eine kleine Kränkung. Das sollte sich mit Darwin ändern.

Darwin und der Verlust des Ziels

Mit Darwin wird die moderne, evidenzbasierte Naturwissenschaft zur eigentlichen Akteurin der Ernüchterung, und damit zum hochemotionalen Faktor. Vor allem eine bestimmte Form von Religiosität wurde massiv herausgefordert und erlebte die Evolutionstheorie als Kränkung. 

Denn was Darwin entdeckte, traf das Selbstverständnis des Menschen an einem empfindlicheren Punkt als die Physik: Es betraf das Leben selbst und die Frage, woher es kommt, und damit verbunden das, was Max Scheler “Die Stellung des Menschen im Kosmos” nennt.  Nicht mehr nur die Schöpfung des Universums musste neu gedacht werden, auch die des Menschen. Oder genauer gesagt: die Entstehung. Denn das sind die neuen Begriffe: Entstehung und Entwicklung. Sie greifen die konservativ-reaktionären Vorstellungen einer letztlich stabilen und vorgeordneten Schöpfung im Kern an. 

Darwin zeigte: Das Leben durchläuft eine Entwicklung ohne Ziel. Kein Plan entfaltet sich, keine finale Notwendigkeit waltet — der Mechanismus ist zufällig. Zufällig allerdings in einem präzisen Sinne: Eine Mutation, eine zufällige Veränderung im Erbgut, die sich als Überlebensvorteil erweist, setzt sich durch. Was passt, überlebt. Was nicht passt, stirbt, bzw.: pflanzt sich nicht fort. Das ist alles.


Das ist die eigentliche Ernüchterung der Darwinschen Entdeckung: Das teleologische Denken, das in natürlichen Prozessen Ziele erkennt, die auf einen planenden Verstand hinweisen würden, erweist sich als nicht haltbar. Die Giraffe hat nicht einen langen Hals, damit sie an die Blätter kommt. Sie kommt an die Blätter, weil sie einen langen Hals hat. Das klingt wie eine Kleinigkeit, aber es ist eine Weltanschauung, die hier in sich zusammenfällt, und bis heute fällt nicht-teleologisches Denken selbst sehr gebildeten Menschen durchzuhalten, sehr schwer.

Denn damit ist Gott nicht nur als Erklärung für die Mechanik des Kosmos überflüssig geworden. Er ist auch als Erklärung für die Herkunft des Lebens herausgefallen. Das Leben erscheint nun einem seelenlosen, planlosen, absichtslosen Mechanismus unterworfen. Dass der Mensch in dieser Logik einen gemeinsamen Vorfahren mit dem Affen hat, ist nur der abgeleitete Skandal. Die tiefere Kränkung ist der Verlust des Zieles. 

Ein weiteres, weniger bekanntes Beispiel zeigt, wie weit diese Erschütterung reicht und dass sie eine Kränkung in sich trägt, die sozialen Sprengstoff hat. Wer macht eigentlich die Kinder?  Die Entdeckung der Genetik klärte, wie Kinder tatsächlich entstehen — und das Ergebnis widersprach einer Jahrtausende alten Selbstverständlichkeit. In der bis dahin herrschenden Vorstellung war allein der männliche „Samen" Träger der Erbinformation, die Frau der „Acker“, in den gesät wird. Die Genetik zeigte: Ei und Samenzelle tragen je einen halben Chromosomensatz — die Erbinformation ist zu gleichen Teilen mütterlich und väterlich. Mehr noch: Das Geschlecht des Kindes wird allein durch den Mann bestimmt, denn nur er kann das Y-Chromosom weitergeben. Frauen „schenken" also keine Söhne, sie können es gar nicht. Und Unfruchtbarkeit ist kein weibliches Problem - sie kann ebenso gut beim Mann liegen. Selbst der Begriff „Samen" ist irreführend, denn er suggeriert, der Mann „säe“ das künftige Leben, während die Frau es nur „austrägt“. Tatsächlich ist die erste verschmolzene Zelle der eigentliche „Samen“. Die Sprache, die wir für Zeugung verwenden, ist von falschen Vorstellungen geformt - und hat, wie Wittgenstein über solche Fälle sagte, unser Denken verhext. Nicht folgenlos: Das gesamte Konstrukt patriarchaler Ordnung, das sich auf eine vermeintlich natürliche Überlegenheit des männlichen Prinzips berief, verliert mit dieser Erkenntnis seinen biologischen Boden. Was für eine natürlich gegebene Hierarchie gehalten wurde, entpuppt sich als Mythos - gespeist aus einer Sinnestäuschung, die sich in der Sprache eingenistet hatte und patriarchale Strukturen als naturgegeben oder gar gottgegeben plausibel machte: Sperma ist sichtbar, die Eier nicht. 


Für Darwin selbst, wie für Newton und den frommen Mönch Gregor Mendel, der zeitgleich die Grundlagen der Genetik erarbeitete, war das keine Infragestellung Gottes. Sie trugen keine Feindschaft zur Religion in ihre Wissenschaft hinein. Diese Feindschaft ist ein Erzeugnis des Kulturkampfes, der erst später entstand - und bis heute anhält, vor allem dort, wo religiöser Fundamentalismus auf Naturwissenschaft trifft. 

Der Fundamentalismus ist, das sei kurz vermerkt, keineswegs die traditionellste Form der Religion, sondern eine sehr moderne Gegenreaktion auf eben jene Ernüchterung, die er zu bekämpfen meint. Er macht aus dem Glauben eine alternative Naturwissenschaft - und ruiniert damit beides. Das wird uns beschäftigen: er ist eine Form der Hysterie und Trunkenheit, die im krassen Widerspruch zur Tugend der Nüchternheit steht. Fundamentalismen aller Art sind die Gestalt, die die große Gereiztheit als Denken annimmt: Ideologie. 

Nüchternheit heißt hier: jeder Perspektive ihren Ort zuweisen. Wissenschaft und Glaube sind keine Konkurrenten, die dasselbe erklären wollen. Die Naturwissenschaft verzichtet methodisch auf die Frage nach Gott - was nicht ausschließt, dass einzelne Wissenschaftler gläubige Menschen sind. Und die Theologie ist gut beraten, die Bibel nicht als naturkundliches Buch zu lesen. Sie ist Erzählung von Gotteserfahrungen, nicht Erklärung natürlicher Prozesse.


Freud: Nicht mehr Herr im eigenen Haus


Die Rede von den drei metaphysischen Kränkungen stammt von Sigmund Freud selbst – und es steckt eine eigene Ironie in der Unbescheidenheit des Wiener Arztes : Er reiht sich damit in eine Linie mit Kopernikus und Darwin ein, nicht ganz zu Unrecht.
Freuds Entdeckung lautet: Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus. Das Unbewusste - das, was er mit dem Triebhaften des „Es" und dem Moralischen des „Über-Ich" beschrieb - macht das Bewusstsein zur Spitze eines Eisbergs. Das Ich, das sich für souverän hält, ist eine dünne Schicht über Kräften, die es nicht sieht. Was uns steuert, bleibt uns entzogen - und das nicht zufällig, sondern durch Verdrängung. Wir sind uns selbst unbekannt.

Das war schon vor Freud geahnt - von Schopenhauer, von Nietzsche, und auf ihre Weise von der Rede über die „Sünde", die ja auch davon handelt, dass der menschliche Wille nicht wirklich frei ist. Doch mit Freud wird das zur systematischen Erkenntnis: nicht nur bei den Kranken, sondern bei jedem Menschen. Wirklich „ganz“ und „integer“ ist niemand. Wer sich für integer hält, ist auf dem falschen Gleis.

Die Folgen seiner Entdeckung sind inzwischen so weit in unser alltägliches Denken eingesickert, dass wir sie kaum noch als Entdeckung wahrnehmen. Wer hat noch keine schlechte Angewohnheit auf die Kindheit zurückgeführt? Wer hat noch nie mit seinem „Unbewussten“ oder mit „Traumata“ argumentiert? Das ist Freud - popularisiert, verzerrt, aber trotzdem wirksam. Und doch auch kränkend. Wieviel von dem, was ich bin, ist „Ich“? 
Gleichzeitig bekam Freuds Theorie, die noch etwas Spekulatives hatte, durch die moderne Neurophysiologie starke empirische Unterstützung. Was Freud mit der Deutung von Träumen zu erfassen suchte, lässt sich heute mit bildgebenden Verfahren sichtbar machen. 

Und was diese Forschung zeigt, ist noch ernüchternder als Freud: Das „Ich", das wir für das Zentrum unserer Erfahrung halten, erscheint als Epiphänomen elektromagnetischer und biochemischer Prozesse. Der Neurowissenschaftler und Spiritualitätsforscher (!) Thomas Metzinger spricht vom „Ego-Tunnel" - der Versuch des Gehirns, die Summe der Sinneseindrücke so zu organisieren, dass der Eindruck bewusster Steuerung entsteht, wo letztlich Biochemie abläuft.

Daneben treten Kahneman und Tversky mit ihrer Kognitionspsychologie, die jetzt nicht mehr nur als Werkzeug, sondern als Motor der Ernüchterung erscheint: Wir haben zwei Denksysteme - ein schnelles, quasi-instinktives, das in Sekundenbruchteilen urteilt und dabei auf steinzeitliche Programme zurückgreift; und ein langsames, das Zusammenhänge analysiert, aber teuer ist: es kostet Zeit, Energie und Aufmerksamkeit. Das Gehirn schaltet, wo immer möglich, ins schnelle Denken - mit vorhersehbaren Fehlern. Vorurteile, Verschwörungstheorien, Unfähigkeit zu exponentiellen Einschätzungen: Alles Produkte eines Apparates, der für die Savanne optimiert ist, nicht für die Moderne.
Kombiniert man Freud mit Kahneman, bleibt ein wenig schmeichelhaftes Bild: ein triebgesteuerter Schnelldenker, der seine eigene innere Werkstatt nicht kennt und dessen Fehlerquote steil ansteigt, je komplexer die Herausforderungen werden.

Das „cogito ergo sum" - auf das die abendländische Philosophie gebaut ist - scheitert am „sum", an der Behauptung eines integren Ich. Wer denkt wirklich, wenn wir denken, dass wir denken? Die Ernüchterung ist maßlos. Und kränkend. 


Die digitale Kränkung: Wer spricht hier eigentlich?


Die drei Ernüchterungen durch Kopernikus, Darwin und Freud haben eines gemeinsam: Sie kamen quasi „von außen“. Sie waren das Ergebnis wissenschaftlicher Erkenntnis, die dem Menschen zeigt, was er nicht ist - kein Mittelpunkt des Kosmos, keine Krone der Schöpfung, kein Herr im eigenen Haus. 

Jede dieser Entdeckungen hat das Selbstbild des Menschen erschüttert, aber sie hat ihm zugleich etwas gelassen: seinen Status als erkennendes Wesen. Den Verstand, die Sprache und die Fähigkeit, Wirklichkeit zu beschreiben und zu deuten. Selbst Freud, der das Ich als Epiphänomen beschrieb, sprach noch als Ich — als Autor seiner Diagnose immer noch souverän.

Die digitale Kränkung greift tiefer. Sie greift nicht von außen an, sondern von innen. Und ihr Gegenstand ist genau das, was bisher als letzter Ausweis menschlicher Besonderheit galt: die Sprache. Die Fähigkeit, Erfahrungen zu deuten, Gedanken zu formulieren, Bedeutung zu erzeugen. Aber auch die Fähigkeit, Technik zu steuern und zu beherrschen.

Die Maschine, die schreibt

Seit Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude Texte erzeugen, die von menschlichem Schreiben kaum zu unterscheiden sind, ist eine kulturelle Selbstverständlichkeit ins Wanken geraten: die Annahme, dass hinter einem Text ein Mensch steht. 
Doch was bedeutet es, wenn die Sprachmaschine einen Text produziert, der sich liest wie Erfahrung, klingt wie Reflexion, wirkt wie Meinung - ohne dass dahinter irgendjemand ist, der etwas erlebt, gedacht oder gemeint hätte? Wenn alles nur zusammengeschriebenes Zeug ist? 


Der Literaturtheoretiker Roland Barthes proklamierte 1967 den „Tod des Autors" - die These, dass der Sinn eines Textes nicht beim Autor liegt, sondern im Akt des Lesens entsteht. Das war damals eine produktive Provokation. Mit der KI hat die These eine buchstäbliche Dimension gewonnen, die Barthes nicht im Sinn hatte: Der Autor ist nicht mehr gestorben - er hat nie existiert. Es gibt nur noch den Text.


Das ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet: Das Vertrauen, das wir einem geschriebenen Wort entgegenbringen - das Vertrauen, dass jemand für es einsteht, es verantwortet, es meint -, ist kulturell nicht mehr selbstverständlich. Der Verdacht der Generierung hat sich in unser Lesen eingeschrieben. Wir fragen uns: Schreibt hier ein Mensch? Oder wurde das erzeugt? Wer viel in social media unterwegs ist, stößt darauf permanent, und ich erlebe in meinem Seniorenstudium gerade, das die komplette traditionelle Prüfungskultur, die auf autonomer Schriftlichkeit beruht, in sich zusammenfällt. Das ist eine massive Kränkung und eine heftige Ernüchterung. Eine KI wie Claude, die auch die Entstehung dieser Texte unterstützte, kann einen mittelmäßigen Text jeder Art in Sekunden generieren. Das stellt auch die Frage nach Kunst ganz neu. 


Informationsüberflutung und das Versagen des Gatekeeping

Diese Kränkung verschärft eine Entwicklung, die schon länger im Gange ist: die Auflösung verlässlicher Informationshierarchien.
Das Gatekeeping - die Prüfung, Auswahl und Verifikation von Informationen durch Redaktionen, Verlage oder Expertengemeinschaften - war eine kulturelle Errungenschaft, die wir lange für selbstverständlich hielten. Es war ein Mechanismus kollektiver Nüchternheit: das institutionalisierte Misstrauen gegenüber dem, was sich nicht belegen lässt. Zeitungen hatten Faktenchecker.

 Bücher hatten Lektoren. Aussagen mussten vor dem Druck verantwortet werden. Literatur und Kunst haben ihre eigenen Evaluationssysteme. 

Das digitale Zeitalter hat diesen Mechanismus nicht abgeschafft - aber so weit unterminiert, dass er für viele nicht mehr greift. Das Netz erzeugt täglich mehr Inhalte, als irgendein Mensch sichten könnte. Jede Meinung findet ihre Plattform, jede Behauptung findet ihr Publikum. Der Algorithmus entscheidet nicht nach Wahrheit, sondern nach Engagement — und Empörung, Angst und Sensationslust erzeugen mehr Engagement als nüchterne Analyse. Die große Gereiztheit nährt sich selbst. 

Die Folge ist nicht Unwissenheit, die Folge ist eine tiefgreifende epistemische Erschöpfung. Man weiß nicht mehr, was man wissen kann. - eine Erschöpfung, die sich tief in die kontraintuitive Struktur aller modernen Erkenntnis einschreibt: Schon Kopernikus hat uns gelehrt, dass die Wirklichkeit sich dem gesunden Menschenverstand entzieht. Die digitale Gegenwart macht daraus eine tägliche Erfahrung.


Das Misstrauen verbreitet sich — zunächst gegenüber den Institutionen, die als Gatekeeper versagt haben oder als Interessenvertreter verdächtigt werden, dann gegenüber dem Wissen selbst. Am Ende steht nicht die kritische Haltung, die zwischen gut und schlecht belegten Aussagen unterscheidet, sondern der Generalverdacht: Alles könnte gefälscht sein. Also ist alles gleich viel - oder gleich wenig - wert. 

Das ist die Demokratisierung des Nihilismus. Und sie ist, das sei ohne Umweg gesagt, eine direkte Bedrohung demokratischer Öffentlichkeit. Denn Demokratie funktioniert nur, wenn es einen geteilten Boden von Tatsachen gibt, auf dem gestritten werden kann. Wenn dieser Boden selbst strittig wird, bleibt nur der Kampf der Narrative. Was die „Postmoderne“ in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts spielerisch voraussagte, und wofür sie heftig gescholten wurde, ist Realität geworden. Auch eine Kränkung. 


Das Ich als Datensatz


Eine dritte Dimension der digitalen Kränkung betrifft nicht das, was wir lesen, sondern was mit uns geschieht, während wir lesen — oder scrollen, klicken, konsumieren.


Die großen digitalen Plattformen haben ein Modell entwickelt, das Byung-Chul Han als die neue Form der Ausbeutung beschreibt: nicht die Ausbeutung des Körpers, sondern die Ausbeutung der Aufmerksamkeit. Wir arbeiten für die Plattform - nicht, indem wir schuften, sondern indem wir uns ihr zuwenden. Jeder Blick, jede Reaktion, jede Sekunde Verweildauer ist Datenmaterial, das optimiert, verkauft und zurückgespiegelt wird.


Das ist mehr als eine ökonomische Beobachtung, sondern eine anthropologische: Das Ich wird zum Datensatz. Es wird vermessen, klassifiziert, vorhergesagt. Algorithmen wissen - in einem statistischen Sinne - welche Inhalte mich halten werden, welche Produkte ich kaufen werde, welche politischen Botschaften bei mir verfangen. Sie wissen das oft zuverlässiger als ich selbst. Es ist oft verblüffend, ja oft geradezu überführend, was mir als Werbung angeboten wird. Das berührt oft meine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte und erzeugt ein Gefühl des „Ertapptseins“, wie man es eigentlich nur aus harten religiösen Kontexten kennt. 
Freuds Kränkung war: Ich bin mir selbst fremd. 

Die Kränkung der Gegenwart ist: Die Maschine kennt mich besser als ich mich kenne - und nutzt dieses Wissen, um mich zu lenken. Ich bin nicht Herr im eigenen Haus; und wer es stattdessen ist, sitzt in einem Rechenzentrum und hat kein Interesse an meiner Reife, nur an meiner Reaktion.


Kahneman und Tverskys Befund bekommt hier eine düstere Konkretheit: Das schnelle Denken, das instinktive, auf Bedrohung und Belohnung reagierende System - es ist genau das, auf das die Plattformarchitektur zielt. Nicht die langsame Analyse, sondern der Reflex. Nicht die überlegte Einschätzung, sondern der Klick. Die digitale Infrastruktur der Gegenwart ist, ob gewollt oder nicht, eine Maschine zur Aktivierung des Reptiliengehirns. Und darin ist sie uns überlegen.

 
Die Beherrschung der Maschine


Es gibt noch eine letzte Wendung, die in ihrer Schlichtheit am erschütterndsten ist. Die Maschinen, die uns übertreffen, haben wir selbst gebaut. Und die Art, wie wir sie gebaut haben, verrät, was wir im Inneren von uns halten. 

Die Wirtschaftsinformatikerin Sarah Spiekermann hat darauf hingewiesen, dass im Fachjargon der Informatik für den Menschen, der mit Systemen interagiert, ein feststehender Begriff existiert: DAU - dümmster anzunehmender User. Das ist keine Bosheit, sondern Methode: Man entwickelt für den schlechtesten Fall, und der schlechteste Fall ist der Mensch, wie er ist. Unaufmerksam, fehleranfällig, irrational. Kahneman und Tversky aus der Perspektive der Softwareentwicklung, sozusagen - nur ohne das wissenschaftliche Mitgefühl. 

Indem wir Maschinen bauen, die klüger, schneller und verlässlicher sind als wir, haben wir uns selbst ein Zeugnis ausgestellt. Und wir haben damit die Entzauberung komplettiert, die mit Kopernikus begann: Nicht nur ist der Mensch kein Mittelpunkt des Kosmos, kein Ziel der Natur, kein Herr im eigenen Haus - er ist auch kein zuverlässiger Benutzer seiner eigenen Werkzeuge. Die Kränkung liegt nicht darin, dass die Maschine gewinnt. Sie liegt darin, dass wir sie so gebaut haben, dass sie gewinnen muss.


Was bleibt


Die vier Ernüchterungen lassen sich als eine einzige lange Bewegung lesen: die Dezentrierung des Menschen und die Außerkraftsetzung der „natürlichen“ Wahrnehmung und des sogenannten „gesunden Menschenverstandes“. 
Kopernikus nahm ihm den Platz im Kosmos. Darwin nahm ihm den Platz in der Natur. Freud nahm ihm den Platz im eigenen Inneren. Die digitale Kränkung nimmt ihm den Platz als „Autor“ -  als jemand, der Wirklichkeit deutet, beschreibt und verantwortet. Und schließlich sieht es so aus, als hätten wir eine Technik entwickelt, die nicht nur außer Kontrolle geraten kann wie ein explodierendes Atomkraftwerk oder ein entkommenes Laborvirus – sie kann sogar die Kontrolle über uns übernehmen und klüger sein als wir. 

Und selbst wenn das ein reines Angstszenario ist: Dass es denkbar ist und angstauslösend genügt. Es ist nicht nur eine Ernüchterung darüber, wie die Welt in Wahrheit ist und wie sehr wir uns mit unserer Wahrnehmung täuschen. 

Es ist auch eine Kränkung, die tief in der sogenannten Moderne verankert ist und die auf dem Boden vieler Radikalismen, Fundamentalismus und Extremismen ihre unbearbeitete Wirkung tut. Nicht nur Gott ist tot, im Sinne Nietzsche. Auch der Mensch ist tot, der zu diesem Gott gehört. 

Bleibt die Frage, ob diese Kränkung das letzte Wort ist. Denn die großen Ernüchterungen haben, bei allem Schmerz, eine merkwürdige Logik: Jede dieser Ernüchterungen hat eine Illusion abgetragen - die Illusion der Mittelpunktstellung, der Auserwähltheit, der Selbsttransparenz, der sprachlichen Souveränität, der technischen Autonomie. Und Illusionen abzutragen ist genau das, was Nüchternheit bedeutet. 


Der Prozess nannte sich selbst „Aufklärung“. Ob der Begriff klug gewählt war und nicht doch auch Hybris, kann man fragen, angesichts der nicht unbedingt heller gewordenen Geschichte – das Aufklärungspathos hat auch etwas Betrunkenes und Delirisches, wie Adorno und Horkheimer ja angesichts dessen, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschah, herausarbeiteten. Auf eine Selbstbesoffenheit folgte die Nächste. 

Und doch beharre ich darauf:  Es war eine hilfreiche und notwendige Ernüchterung , die uns vorangebracht hat. Magie, Zauberei, irre Kausalitäten und menschenverachtende Zuschreibung von Schuld wurden in ihrem Namen zumindest eingedämmt, Medizin, Technik, Erkenntnis und Religion veränderten sich schon zum Besseren. Auch das eine nüchterne Erkenntnis für die, die die gesamte Moderne für Teufelswerk halten. 

Ein großer Teil der christlichen Überlieferung hat nie an diesen Illusionen gehangen und war schon immer in diesem Sinne „nüchtern“, wenn es auch nicht der mainstream der letzten Jahrhunderte war. Ich kann das hier nur andeuten – die spezifisch christliche Nüchternheit, die mir im Neuen Testament, bei den Wüstenvätern und im Protestantismus begegnet, war und ist ein wesentlicher Motor meiner Gedanken und meines Lebensstiles. 
Der Glaube kannte es immer: Die Endlichkeit des Menschen, die Verlorenheit in einem Kosmos, der größer ist als er, die biologische Verwandtschaft mit dem Staub der Erde, das sich selbst entzogene fragmentarische Ich, das Wirken von Kräften in uns, die wir sind und doch nicht wir selbst, die Turmbau-Hybris. 

In diesem Sinne sind die vier Ernüchterungen keine Katastrophe für den christlichen Glauben, auch wenn es Teile der Christenheit gibt, die das nicht akzeptieren können und mit Moderneverweigerung, Fundamentalismus und einem künstlich vorwissenschaftlichen Weltbild reagieren. Eine eigene, religiöse Form der großen Gereiztheit, und eine sehr gefährliche noch dazu, weil sie trunken ist vor Hass. 

Das muss eine Ethik der Nüchternheit gewinnen, oder wiedergewinnen, oder neugewinnen: Ein Wissen um das Maß des Menschlichen, das sich für den Glauben als das Geschöpfliche darstellt. Hier gehen „säkulare“ und „religiöse“ Ethik Hand in Hand. Auf die Ernüchterung sollte Nüchternheit folgen. 
Es geht nicht um existentialistischen Trotz mit seinen pathetischen Gesten, nicht um intellektfeindliche Verleugnung, die der Dummheit den Weg bereitet, nicht um den verbissenen Versuch, die alte Fehleinschätzungen mit ihrer Mischung aus Hybris und Irrtum zu retten. 

Es geht um die Bereitschaft „kleiner“ zu werden – kleiner in Relation zur Selbstüberschätzung. Nicht im Sinne einer Unterwerfung, nicht als Resignation, nicht als Verzwergung, sondern so, dass wir in die Kleider passen, die uns dargeboten werden und die eben nicht des Kaisers neue Kleider sind und drei Nummern zu große Schuhe, wie sie US-amerikanische Minister kürzlich trugen. 
Eine Ethik der Nüchternheit ist auch eine Ethik der Demut, die nicht „demütigt“, sondern aufrichtet, weil sie uns von schierem Unsinn befreit. 

Hilft nur noch Beten? 

Eigentlich hatte ich jetzt vor, auf den Begriff der Nüchternheit noch weiter einzugehen, vor allem in seinem christlichen Verständnis. Doch ich bin bei Verfolgung dieser Gedanken auf eine Autorin gestoßen, die sich mit „Ernüchterung“ und „Nüchternheit“ befasste – und dabei die Frage nach dem Gebet stellte, obwohl sie selbst nicht religiös war, jedenfalls nicht im traditionellen Sinne. Da möchte ich gerne Halt machen im bisher eher vorwärtsdrängenden Nachdenken. Wie kommt eine kritische Philosophin und Autorin auf das Gebet? Und was hat das mit „Nüchternheit“ zu tun? 


Iris Murdoch identifiziert das „Gebet“ als Übung der Nüchternheit und Heilung der Wunden, die die großen Ernüchterungen uns geschlagen haben. Das fünfte Werkzeug, sozusagen. 

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