Die vier historischen Ernüchterungen
Nüchternheit. Eine Tugend
Die vier historischen Ernüchterungen – Der schmerzhafte Lernweg der Moderne
Ereignisse werden „Geschichte" durch Deutung, d.h. sie haben immer auch eine Bedeutung, sobald sie in einem Kontext und mit einer Absicht erzählt werden. Zu erzählen „wie es wirklich war", „warum es so ist, wie es ist", „wie es dazu kommen konnte", „woher ich stamme" und so fort. Geschichte ist niemals „neutral".
Und es gibt „Ereignisse" bzw. Erzählungen, die in sich eine große Ernüchterung tragen, selbst wenn sie nicht als solche erzählt worden sind oder erzählt werden: Sie tragen eine Verletzung in sich, weil sie von einer berichten oder weil sie selbst eine darstellen.
Solche Ereignisse nenne ich „historische Ernüchterungen". Sie sind konkret, aus Quellen erhebbar und zugleich hermeneutisch mehrdeutig. Sie berichten von Erschütterungen, die tief in das kulturelle Gedächtnis eingesenkt sind und darum eine der Quellen jenes Zornes, jener Frustration darstellen, die dann unter anderem sich in Fundamentalismus, Zynismus oder naivem Szientismus retten.
Hier also ist die Nüchternheit nicht Ergebnis einer Tugendbemühung, sie ist ein „Kater", ein historischer Ausnüchterungsprozess, den wir im Deutschen mit dem Begriff der „Vergangenheitsbewältigung" zwar sehr schön beschreiben können, der aber letztlich in keiner Weise wirklich begriffen worden ist.
Die historischen Ernüchterungen hinterlassen nicht nur politische Narben, sondern epistemische: Sie verschieben, was Menschen überhaupt noch für möglich und für glaubwürdig halten. Und sie sind – das ist die These, die diesen Text durchzieht – bis heute nicht vollständig verarbeitet. Und treiben deshalb ihr Unwesen durch permanente Erhöhung der Diskurstemperatur. Auch hier zeigt sich die Moderne als eine Epoche der Desillusionierung, Frustration und Kränkung des sogenannten einfachen oder gesunden Menschenverstandes.
Das Ende der großen Erzählung
Der französische Philosoph Jean-François Lyotard hat in „La condition postmoderne" (1979) das begriffliche Werkzeug bereitgestellt, das mir hier sehr hilft (obwohl ich den Begriff der Postmoderne selbst für eine „große Erzählung" halte).
Lyotard beschreibt die Moderne als eine Epoche, die sich durch große Erzählungen legitimiert – „métarécits", die nicht nur erklären, was ist, sondern versprechen, was sein wird: die Emanzipation der Menschheit durch Vernunft, die Verwirklichung des Geistes in der Geschichte, der Fortschritt der Wissenschaft als Befreiung.
„Postmoderne" ist für Lyotard schlicht die Ungläubigkeit gegenüber diesen Meistererzählungen – das Bewusstsein, dass sie nicht halten, was sie versprechen.
Was er dabei weniger ausführt, aber mitdenkt: Das Scheitern großer Erzählungen hinterlässt keine ruhige Skepsis. Es hinterlässt Wut. Menschen, die in einer Erzählung lebten, die ihnen Orientierung, Würde und Zukunft versprach, und die erleben müssen, wie diese Erzählung sich als falsch oder gar als Verhängnis erweist, werden nicht einfach nüchterner. Sie werden – das zeigt die Geschichte mit erschreckender Regelmäßigkeit – anfällig für die nächste Erzählung, die mit umso lauterem Heilsversprechen auftritt. Ihre krasseste Gestalt sind dann die Verschwörungsmythen, die im 20. Jahrhundert so verheerende Wirkung gezeigt haben.
Es geht im Folgenden um vier solcher Ernüchterungen, die mir besonders einleuchten: den Dreißigjährigen Krieg, den Ersten Weltkrieg, Auschwitz und Hiroshima sowie die Enttäuschung der digitalen Utopie. Vier Momente, in denen eine große Erzählung der Moderne in sich zusammenfiel. Und vier Momente, in denen – jeweils mit erheblicher Verzögerung, jeweils unter Schmerzen – Nüchternheit als Haltung neu errungen werden musste, wenn es nicht beim Kater bleiben soll.
I. Der Dreißigjährige Krieg: Religion als Friedensproblem
1618 begann ein Krieg, der Deutschland bis 1648 verwüsten und in manchen Regionen ein Drittel der Bevölkerung das Leben kosten sollte. Er begann entlang konfessioneller Grenzen und endete als reiner Machtkrieg: Konfessionen bildeten schon bald keine verlässlichen Bündnisachsen mehr, das religiöse Motiv trat zurück hinter dynastische und territoriale Interessen. Aber das eigentliche Erbe des Dreißigjährigen Krieges ist kein militärisches – es ist ein rechtliches und epistemisches.
Zuerst: Die Religion hatte sich als Friedensstifterin blamiert. Wo zuvor der Traum einer einheitlichen abendländischen Christenheit unter Kaiser und Papst regiert hatte, stand nun die nackte Erfahrung, dass religiöse Einheit keine politische Stabilität erzeugt, sondern Gewalt befeuert. Der Westfälische Frieden von 1648 zog die Konsequenz. Die Formel „cuius regio, eius religio" – wessen Herrschaft, dessen Religion – sicherte eine religiöse Vielfalt, die man nicht als Bereicherung feierte, sondern als notwendiges Übel akzeptierte. Aus der Friedensformel des Augsburger Friedens von 1555 wurde ein Kompromiss, der das Ende der institutionellen Religion einleitete und den Prozess der „Säkularisierung" in Gang brachte. Das ist jetzt sehr verkürzt, aber die Richtung ist erkennbar: Religion hat sich blamiert, Philosophen wie Spinoza, Pascal oder Leibniz werden sich daran abarbeiten.
Doch weit folgenreicher war ein Rechtsprinzip, das aus dieser Erfahrung hervorging und ein anderes, schon länger schwelendes Problem gleich mitlöste.
Der holländische Rechtsgelehrte Hugo Grotius formulierte den Grundsatz, das Recht müsse an jedem Ort und zu jeder Zeit gelten „etsi deus non daretur" – „als ob es Gott nicht gäbe". Das war kein atheistisches Bekenntnis, sondern eine methodische Notwendigkeit: Ein Recht, das nur für Angehörige einer Konfession gilt, taugt nicht als Grundlage politischer Gemeinschaft. Die Vernunft musste einspringen, wo die Religion versagt hatte.
Das war zugleich die Geburt des Völkerrechtes: denn nicht nur innerhalb der Christenheit musste „Diversität" bewältigt werden. Der Kolonialismus und die beginnende Globalisierung relativierten auch die „positiven Religionen" und stellten das Problem eines Rechtes, das auch außerhalb definierter Grenzen gilt.
Was Grotius zwar nicht entdeckte (die Diskussion gab es schon im sogenannten Mittelalter), aber als Erster systematisch geltend machte, war die Autonomie des Rechtes. Gott hatte als Rechtsquelle ausgedient.
Das ist eine Ernüchterung von welthistorischer Tragweite, die zu akzeptieren bis heute vielen Menschen schwerfällt. Nicht weil Gott aus der Welt verabschiedet wurde – das war nicht die Absicht –, sondern weil die Erfahrung sich unwiderlegbar aufgedrängt hatte, dass vieles auch ohne Gott geht, und manches – vor allem die Staatskunst – geht ohne Gott sogar besser. Die Geburt des modernen Rechts- und Verwaltungsstaates war zugleich eine Zurückdrängung der Religion, was die Frage aufkommen ließ, was Religion denn überhaupt sei. Und das war die Geburtsstunde der modernen Religionskritik.
Dabei wurde der Protestantismus, der diesen Prozess wesentlich angestoßen hatte, zugleich einer seiner treibenden Motoren: Die Trennung von Religion und Politik, von Glauben und Gesellschaft, liegt in seiner eigenen Logik, die etwas zu tun hat mit dem gewandelten Verständnis des Zusammenhangs von Gnade und Recht in der sogenannten „Rechtfertigungslehre" auf lutherischer Seite und der sog. „Prädestinationslehre" auf der reformierten Seite. Die Nüchternheit in Bezug auf die Welt, die dem Protestantismus innewohnt, hat hier eine kränkende Seite – jedenfalls dann, wenn man an „Religion" politische Erwartungen hat. Hier hat der Dreißigjährige Krieg eine unumkehrbare Ernüchterung auf den Weg gebracht.
Das ist kein Verlust – es ist, wenn man es nüchtern betrachtet, ein Befreiungsakt. Aber hinter die Erfahrung, die sich im Dreißigjährigen Krieg verdichtet hat, lässt sich nicht mehr zurück. Dass weite Teile des Protestantismus das selbst nicht verstanden haben und zu einem Hort schlimmster Reaktion wurden, ist ein tragisches Element.
II. 1918: Der Zusammenbruch des Fortschrittsglaubens
Das 18. und 19. Jahrhundert standen unter dem Zeichen eines Glaubens, der selbst religiöse Züge annahm, nicht zuletzt, weil er in die oben beschriebene Lücke sprang: der Glaube an den Fortschritt. Wissenschaft, Technik, Staat und Erziehung schienen zusammenzuwirken, um das Reich Gottes oder den perfekten Staat mit menschlichen Mitteln zu errichten. Der Satz des Archimedes – gebt mir einen Hebel, und ich hebe die Welt aus den Angeln – war zum Credo der Moderne geworden, und dieser Hebel hieß „Wissenschaft".
Auch die Kirchen spielten mit. Gerade der Protestantismus hatte seinen reformatorischen Impuls – die Ernüchterung gegenüber dem Menschen als Sünder, der allein aus Gnade lebt – weitgehend vergessen und war zum ideologischen Träger des Fortschrittsdenkens geworden. Die oben beschriebene Ernüchterung gegenüber dem historischen Prozess kippte in ihr Gegenteil. Max Webers Diagnose, dass der Kapitalismus in bestimmten protestantischen Haltungen seine Wurzeln habe, ist zwar eine grobe Vereinfachung, zeigt aber das Muster: weltlicher Erfolg gilt als Zeichen göttlicher Erwählung, nüchternes Wirtschaften als Gottesdienst, und der szientistische Fundamentalismus, ein Kind des 19. Jahrhunderts, meinte, Gott bei der Arbeit zuschauen zu können (wenn er nicht radikal antimodern sich dem allem verweigerte).
Der Fortschrittsglaube war, wie man im Rückblick sagen muss, eine Besoffenheit, die sich als Nüchternheit ausgab und ein furchtbares Erwachen fand.
Auf den Schlachtfeldern Flanderns und der Champagne zerbrach dieser Glaube. Was die Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs erlebten, war nicht nur physische Vernichtung – es war die Erfahrung, dass nichts von dem stimmte, was man ihnen gelehrt hatte. Das Fronterlebnis war eine ungeheure Ernüchterung, aus der bei vielen eine ebenso ungeheure Wut wurde, mit den bekannten Folgen. Die europäischen Gesellschaften waren nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr dieselben wie vorher.
Der britische Außenminister Edward Grey sagte am 3. August 1914: „In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir werden es nicht mehr erleben, dass sie angezündet werden." Das war ein prophetischer Satz. Ein nicht geringer Teil des politischen Konservativismus, sei er rechter oder linker Provenienz, schielt auf die Zeit vor 1914.
Die Kirchen, vor allem die protestantischen, hatten den Krieg vielfach religiös überhöht, den Nationalismus gesegnet und die Kritik verweigert. Das war ihre tiefste Blamage seit der Reformation. Der Schock erzeugte eine Gegenbewegung: Karl Barths „Der Römerbrief" von 1919 ist ihr Dokument. Gott wird hier radikal als Gegenüber der Welt verstanden – nicht als Garantiemacht des Fortschritts, sondern als derjenige, der den Menschen als Sünder beim Wort nimmt. Die Religion, verstanden als menschliches Werk, tritt dem Glauben als Werk Gottes gegenüber. Barth kann später Religion sogar als eine Gestalt der Sünde, als Unglauben, bezeichnen. Das ist keine Frömmigkeit des Rückzugs – es ist eine Ernüchterung, die befreit. Aber nicht alle zogen diese nüchterne (und dann in ihrer Konsequenz doch wieder radikale) Konsequenz, die fast die gesamte Tradition des Protestantismus und der christlichen Dogmatik einer grundlegenden Revision unterzog. Wirklich wahrgenommen wurde das nicht. Den evangelischen Kirchen gelang es, aus dieser Ernüchterung für Jahrzehnte keine Konsequenzen zu ziehen; im Gegenteil gingen sie mehrheitlich dem Nationalsozialismus auf den Leim, in der Hoffnung, sich wieder dem Suff der Akzeptanz, der Relevanz und der Macht hingeben zu können.
Ein klares, unmissverständliches Votum für die Demokratie brachte die EKD erst 1986. Die Narbe von 1918 reicht bis in die Gegenwart.
III. Auschwitz und Hiroshima: Der Sündenfall der Wissenschaft
Die Atombombe und der Holocaust haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun – außer dem historischen Rahmen des Zweiten Weltkrieges. Aber beide stehen für dasselbe: die dunkelste Seite einer Entwicklung, die als Heilsversprechen angetreten war. Die Wissenschaft hatte die Religion als Deutungsmacht der Wirklichkeit abgelöst. Sie würde Licht, Freiheit und Wohlstand bringen. Sie tat es auch – und sie tat noch etwas anderes.
Auschwitz war nicht nur ein Verbrechen von barbarischer Dimension, das überhaupt nur unter den Vorzeichen und mit den Mitteln der Moderne zu begehen war. Es war auch das Ergebnis einer pseudowissenschaftlichen Weltanschauung. Der biologistische Rassismus des 19. Jahrhunderts hatte aus Darwins Evolutionstheorie eine Sozialtheorie gemacht: Überleben des Stärkeren als Naturgesetz, auf das menschliche Gesellschaften schlicht anzuwenden seien. Das war Wissenschaftsmissbrauch – aber er funktionierte, weil er sich in das Gewand der Wissenschaft kleidete und damit eine Plausibilität beanspruchen konnte, die religiösen Begründungen längst abhanden gekommen war.
Hiroshima wiederum zeigte, dass selbst die redlichste Wissenschaft ihr zerstörerisches Potential nicht aus sich heraus einzuhegen vermag. Die Physiker des Manhattanprojekts wussten, was sie taten. Viele schauderten vor ihrem eigenen Werk. Und doch. Die Logik des Krieges, die Logik der Überlegenheit, die Logik der Beschleunigung – sie alle griffen ineinander, und am Ende wurden zwei Städte ausgelöscht.
Theodor W. Adorno formulierte die Konsequenz mit unerbittlicher Knappheit: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung." Doch Adorno war gegenüber seiner eigenen Forderung skeptisch. Barbarei ist nicht das, was die Zivilisation überwunden hat – sie ist das, was auf ihrem Grund lagert. Diese Einsicht ist kein Pessimismus; sie ist epistemische Nüchternheit. Mit dem Menschen ist zu rechnen. Und das heißt: mit dem Schlimmsten.
Die Ernüchterung durch Auschwitz und Hiroshima erzeugte auch den Begriff der „Sekundärtugenden": Gehorsam, Fleiß, Pflichterfüllung entpuppten sich als Chimären. Tugend allein reicht nicht. Man kann ein nüchterner Unmensch sein. Der Ingenieur, der eine Gaskammer plant, ist mit Sicherheit kein unorganisierter Mensch. Die Atombombe war eine technische und wissenschaftliche Höchstleistung von unendlicher Hingabe und Fleiß, wie später nur noch die Raumfahrt.
Jede Tugend – auch die Nüchternheit – muss in etwas eingebettet sein, das über sie hinausgeht: eine Haltung, die den anderen als anderen wahrnimmt, eine Liebe, die weiter reicht als die eigene Gruppe. Ohne diese Einbettung bleibt Nüchternheit ein technisches Vermögen, das sich beliebig einsetzen lässt. Die reflexive Metaebene (etwa durch den Einsatz der oben genannten Werkzeuge) ist keine intellektuelle oder pseudotherapeutische Spielerei mehr, sie ist lebensnotwendig. Wie bei einem Suchtkranken geht die Krankheit nie weg – er muss Wege finden, nüchtern zu bleiben.
IV. Die digitale Utopie: Ernüchterung im Netz
Es war keine zynische Truppe von Kapitalisten, die in den 1960er und 70er Jahren die Grundlagen des Silicon Valley legte, wie wir sie heute oft unter dem Begriff des „Startups" finden. Es waren Aussteiger, Studienabbrecher, politische Utopisten – Menschen, die in der digitalen Vernetzung ein Instrument gesellschaftlicher Befreiung sahen: Hierarchien sollten abgebaut, Wissen demokratisiert, nationale Grenzen in einem globalen Kommunikationsraum überwunden werden. Steve Jobs und Bill Gates hatten, aus heutiger Sicht, geradezu linksradikale Visionen. Das Internet sollte das globale Dorf bringen, von dem Marshall McLuhan geträumt hatte.
Die Ernüchterung folgte schnell, und sie war nachhaltig. Und es ist kein Zufall, dass die Digitalisierung nicht nur als "metaphysische" Kränkung auftritt. Es gibt ein konkretes Datum, dass sie "historisch" macht: Der 6. Juni 2013, als die Washington Post und der Guardian die Snowden-Dokumente veröffentlichten. Sie enthüllten ein Ausmaß globaler Überwachung, das alle pessimistischen Erwartungen übertraf. George Orwells Big Brother sah daneben wie ein kleiner Bruder aus. Der Journalist Sascha Lobo, bis dahin überzeugter Netzoptimist, sprach von der vierten metaphysischen Kränkung der Menschheit – und davon, persönlich getroffen zu sein.
Was Snowden sichtbar machte, war aber nur die Spitze. Die eigentliche Ernüchterung ist tieferer Natur. Das Netz hatte nicht nur Überwachung ermöglicht – es hatte Strukturen geschaffen, die sich jeder Steuerung entziehen. Hassmechanismen, Radikalisierungsdynamiken, Desinformationsökosysteme: keine dieser Entwicklungen ist das Werk einzelner böser Akteure, sondern emergente Eigenschaft einer Infrastruktur, deren Komplexität niemanden – wirklich niemanden – vollständig überblickt. Die eigentliche Kränkung liegt darin, dass das System nicht gesteuert werden kann, weil es kein Zentrum hat, das man zur Rechenschaft ziehen könnte. Ein schönes demokratietheoretisches Paradox entsteht: Zentralismus wird mit Totalitarismus und Autoritarismus verbunden, „rhizomatische" Strukturen als Möglichkeit von Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit propagiert. Die Realität des Internets zeigt, dass es so einfach nicht ist. Selbstregulierende Formen von Demokratie scheinen utopisch zu sein, die Bildungsgesellschaft ist in Wahrheit eine Geschwätzgesellschaft, und Verschwörungsmythen sind plausibler als die Erzählungen von Wissenschaft, Philosophie und Kunst. Aber kein „Zentrum" kann uns retten. Die Ernüchterung ist maßlos.
Bernhard Pörksen hat ihr mit der „großen Gereiztheit" einen Begriff gegeben, mit dem ich eingestiegen bin. Eine Kultur der reflexhaften Empörung, die weniger auf Information als auf Kränkungsgefühlen beruht und sich in den sozialen Medien so lange aufschaukelt, bis sie als Wutgeschrei in die Wirklichkeit tritt. Die Verschwörungstheorie ist ihre pathologische Form: Sie erklärt Komplexität durch Schuldzuweisung und macht aus einem dezentralen, tendenziell unkontrollierbaren System die Handschrift einer finsteren Macht.
Das Projekt Weltverbesserung durch Digitalisierung ist gescheitert – zumindest gemessen an dem Optimismus seiner Gründungsväter. Das bedeutet nicht, dass die Digitalisierung nur Schaden angerichtet hätte. Sie hat auch Möglichkeiten geschaffen, die es zuvor nicht gab. Aber die Differenz zwischen Versprechen und Wirklichkeit ist so groß, dass man sie nur als historische Ernüchterung bezeichnen kann.
Schluss: Was die Ernüchterungen lehren
Was verbindet diese vier Ereignisse? Die Struktur, die Lyotard beschrieben hat: Jeweils tritt eine große Erzählung mit Heilsversprechen auf – die religiöse Einheit der Christenheit, der säkulare Fortschrittsglaube, die Wissenschaft als Erlöserin, die digitale Vernetzung als Befreiung. Und jeweils erweist sich diese Erzählung als doppelgesichtig: Sie erzeugt das Gegenteil dessen, was sie versprach, oder sie zeigt eine zerstörerische Seite, die in ihrem Enthusiasmus unsichtbar geblieben war. Die Moderne, so ließe sich zuspitzen, ist nicht die Geschichte des Fortschritts – sie ist die Geschichte des Scheiterns ihrer eigenen Fortschrittserzählungen.
Das ist keine Einladung zum Kulturpessimismus. Die Ernüchterungen des Dreißigjährigen Krieges brachten die moderne Diplomatie und das säkulare Recht hervor – beides echte Errungenschaften. Die Ernüchterung von 1918 erzeugte eine ernsthaftere Theologie und neue völkerrechtliche Instrumente, die so einfach nicht auszuhebeln sind, wie ihre gegenwärtigen Verächter meinen. Auschwitz und Hiroshima haben das internationale Recht und die Menschenrechtsinstitutionen vorangetrieben und den Begriff der „Aufarbeitung" von Geschichte an Stelle von Hass und Revisionismus geprägt. Auch über die digitale Desillusionierung ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.
Aber es gibt eine Bedingung, unter der aus Ernüchterungen etwas wird. Sie liegt weder in kollektiver Trauer noch in organisierter Empörung – so nötig beides im jeweiligen Kontext sein mag. Die Bedingung ist schlicht die Bereitschaft, nüchtern hinzusehen: auf Strukturen statt auf Schuldige, auf Mechanismen statt auf Episoden, auf die eigene Verstrickung ebenso wie auf die der anderen. Es braucht eine enorme Bereitschaft zum vernetzten, systemischen Denken, das es zugleich aushält, fragmentarisch zu sein. Und das wiederum bedarf vieler Perspektiven, die im beständigen, institutionalisierten Diskurs stehen.
Lyotards Diagnose endet bekanntlich offen. Er beschreibt das Ende der großen Erzählungen, aber er liefert keine Nachfolgeerzählung – das wäre ein Selbstwiderspruch. Was bleibt, sind kleine Narrative, lokale Legitimationen, pragmatische Orientierungen, „Plateaus". Das ist redlicher als das Festhalten an einer Erzählung, die sich längst blamiert hat. Aber es reicht nicht. Denn kollektive Frustration, wie die Geschichte zeigt, sucht sich ihren Ausdruck – und findet ihn, wenn keine tragfähige Haltung bereitsteht, in der nächsten Begeisterungswelle, der nächsten Feindbildkonstruktion, dem nächsten Heilsversprechen.
Nüchternheit ist kein Ersatz für die große Erzählung. Sie ist das Gegenteil: keine Erzählung, sondern eine Haltung – eine, die die eigene Begeisterungsfähigkeit zügelt, ohne sie zu töten, die mit dem Teuflischen im Menschen rechnet, ohne darüber zynisch zu werden, und die die Differenz zwischen dem, was ein Heilsversprechen verspricht, und dem, was es hält, auch dann nicht aus dem Blick lässt, wenn das Versprechen attraktiv ist und die eigene Seite es formuliert.
Die vier historischen Ernüchterungen sind in diesem Sinn keine Geschichte des Scheiterns. Sie sind eine Schule – eine sehr teure, sehr langsame, aber im Prinzip lernfähige Schule. Die Frage ist nicht, ob wir aus ihr entlassen werden. Die Frage ist, ob wir aufmerksam genug sind, um die nächste Lektion zu erkennen, bevor sie sich als Katastrophe buchstabiert.
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