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Illusionäre Gesellschaftskonzepte 2: die Ernüchterung über die Banalität der Demokratie

  Illusionäre Gesellschaftskonzepte und die Ernüchterung über die Banalität der Demokratie   Was im vorigen Kapitel für das einzelne Leben beschrieben wurde, funktioniert im Kollektiv nach demselben Muster, nur mit höheren Einsätzen.   Wenn ein irreales Lebenskonzept scheitert – die Karriere, der Körper, die Beziehung –, verlangt die Grammatik der Illusion nach einem Schuldigen, weil das Konzept selbst nicht in Frage gestellt werden darf. Auf der individuellen Ebene richtet sich diese Schuld meist nach innen: zu wenig Disziplin, zu wenig Glaube an sich selbst, schlechtes Umfeld, von dem man sich übermäßig hat beeinflussen lassen. Auf der kollektiven Ebene richtet sie sich nach außen. Die Sozialpsychologie nennt das „relative Deprivation“, ein Konzept, das ich so erst durch die Arbeit an diesem Kapitel kennengelernt habe (danke, Claude Opus 5), und das mich sehr überzeugte, deswegen bringe ich ein Originalzitat: „Zwischen Erwartungen und Möglichkeiten zur Wun...

Illusionäre Lebenskonzepte 1: Die Ernüchterung über die Banalität des Daseins

  Illusionäre Lebenskonzepte und die Ernüchterung über die Banalität des Daseins   Man muss sich nur eine x-beliebige neunte Klasse vorstellen, irgendwo in Deutschland, am Tag der Berufsorientierung. Der Lehrer fragt in die Runde: Was willst du werden? Es kommen: Fußballprofi, Influencerin, Content Creator, vielleicht Ärztin. Sagt dann einer: Bäcker, wie mein Vater, wird kurz gelacht. Nicht böse, nur überrascht – so, wie man über eine Ambition von vorgestern lacht. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, mit einer Bäckerlehre tatsächlich als Bäcker zu arbeiten, um ein Vielfaches höher als die, mit selbstgedrehten Videos als Creator zu leben. Gelacht wird trotzdem über den Falschen.   Man könnte einwenden: Was ist daran neu? Gesellschaften haben ihren Mitgliedern immer große Versprechen gemacht. Die Einigungsbewegungen des 19. Jahrhunderts versprachen nationale Größe – und lieferten sie, jedenfalls machtpolitisch. Die Technik- und Medizingeschichte versprach die Beherrsc...

Nüchternheit und die „Drama Queen"

  Nüchternheit und die „Drama Queen" „Das ist die größte Katastrophe meines Lebens" – gesagt über einen gecancelten Friseurtermin.  „Ich bin am Boden zerstört" – wegen einer Nachricht, die zwanzig Minuten auf sich warten ließ.  „Das ist so übergriffig" – über eine harmlose Bemerkung am Arbeitsplatz.  „Du zerstörst gerade meine ganze Erziehung" – zum Partner, weil er dem Kind ausnahmsweise ein zweites Eis erlaubt hat.  „Diese Abstimmung ist eine Schicksalsfrage für Europa" – über ein Verfahrensdetail in der Geschäftsordnung. Das sind, klassisch gesagt, einfach Übertreibungen. Aber es gibt einen ganzen Habitus, der darauf beruht, und ich habe durchaus den Eindruck, dass der epidemisch geworden ist und verdichte das daher in die Figur der „Drama Queen“. Sie ist nach kollektivem Geschrei und „gesundem Menschenverstand“ die dritte Verhaltensform, die ein nüchternes Wahrnehmen, Abwägen und Entscheiden schwer macht. Und damit kein falscher Eindruck entste...

Nüchternheit und der „gesunde Menschenverstand"

  Nüchternheit und der „gesunde Menschenverstand"   „Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand!"  Der Appell an den „gesunden Menschenverstand" gilt als entscheidendes Argument – wer ihn besitzt und einsetzt, ist vernünftig; wer ihn anzweifelt, ist weltfremd, übertheoretisiert, abgehoben und neuerdings, in völliger Verkennung der Bedeutung des Begriffs, "woke". Der gesunde Menschenverstand gibt sich als die nüchterne Haltung schlechthin aus.  Darum verdient er einen genaueren Blick. Gerade die mit ihm oft verbundene auftrumpfende Selbstgewissheit macht misstrauisch.   Aus einer Redewendung, die noch vor wenigen Jahrzehnten in der Umgangssprache  so etwas wie den (gutbürgerlichen) Alltagsverstand meinte (unter dessen Schirmen ich in einer Handwerker-Bauernfamilie zum Beispiel großgeworden bin), ist eine ideologisch anmutende Kampfmetapher geworden, ein rhetorisches Werkzeug, das einen großen Begriff bemüht, um begriffliche Schärfe gerade zu ve...