Disposition, Themen und Perspektiven

Perspektiven

Bei der Arbeit am Thema "Nüchternheit" verstand ich, dass eine Tugend (ich werde später erklären, was ich damit genau meine) immer auch eine Perspektive ist. Es ist eine Weise der Handlungsvorprägung, die aus einer bestimmten Sicht auf die Welt entspringt, die sie zugleich aber im Handeln auch wieder verändert. 

Habe ich z.B. wirklich verstanden, dass ich der Fremde des Fremden bin, auch wenn ich in meinem Eigenen bin, das das Fremde des Fremden ist - dann wird daraus auch eine bestimmte Art des Handelns folgen. Ich werde z.B. die Verlorenheit eines Fremden in der Fremde, die  mein Eigenes ist, wahrnehmen. Das wieder wird meine Perspektive auf mich verändern: Bin ich in meinem Eigenen eigentlich so heimisch, wie ich immer dachte? Und so finde ich das Befremdliche im Eigenen, und das nun wieder kann eine Brücke zum "Fremden" sein - und so weiter. 

Wer je Videos, Reels oder TicTocs gesehen hat, in denen Menschen berichten, wie sie Deutschland erleben, wird das wahrscheinlich sofort nachvollziehen können. 

Verschließe ich mich dem, verschließe ich mich auch der Perspektivenerweiterung. 

Das aber ist nicht sehr tugendhaft, will meinen: Das erweitert meine Persönlichkeit nicht um  neue Handlungsmöglichkeiten, und das wiederum macht die Welt nicht zu einem besseren Ort. Nüchtern betrachtet ist sie nämlich von ca. 8 Milliarden Fremden  bewohnt.... der Tugendbegriff ist meines Erachtens, weil er Haltung, Erfahrung und Tätigkeit, Übung und Lernen miteinander verknüpft, in besonderer Weise geeignet, über Handlungen und Handlungsmöglichkeiten nachzudenken und gleichzeitig ist er  analytisch zugriffig. Aber jetzt wird´s doch theoretisch, und das möchte ich erst einmal vermeiden. 

Disposition

Es zeigte sich jedenfalls,  dass ich über die Tugend-Perspektive plötzlich Themen in den Blick bekam, die ich vorher gar nicht damit verbunden hatte. Nicht ohne Grund wird eine nüchterne Stellungnahme gelegentlich  mit der Redensart "bei Lichte betrachtet" eingeleitet, also ein Perspektivenwechsel benannt, der in aller Regel auch Handlungsfolgen hat. 

Das war die Spur, der ich folgte, und so zeigte sich bald, dass ich das Thema nicht in einer Art geschlossener Monographie oder dergleichen darstellen kann, sondern dass ich über einzelne Themen und Aspekte allmählich einen nüchternen Blick und einen Blick auf die Nüchternheit gewinne. 

Und so möchte ich jetzt auch in der Darstellung vorgehen. Es wird also eine lockere Folge von Essays werden, von denen einige schon fertig sind oder zumindest skizziert, andere nur als Überschrift existieren. Trotzdem möchte ich jetzt schon einige der Themen angeben, weniger als eine Disposition des Ganzen, sondern mehr, um anzudeuten, wie weite Kreise das Thema angefangen hat zu ziehen. 

Eine Anmerkung noch dazu: Es ist bemerkenswert, dass ich kaum Literatur dazu gefunden habe. Weder in der Theologie (da dann eher im Kontext Fasten und Enthaltsamkeit, was nur ein Aspekt des Themas ist) noch in der Philosophie oder Soziologie (und wenn, dann eher versteckt). Es scheint, als sei der Begriff irgendwie kontaminiert oder aus der Zeit gefallen. Ich meine inzwischen verstanden zu haben, dass das ein Symptom ist. Und merkwürdigerweise habe ich für dieses mein Thema auch wenig Gesprächspartner bzw, Interesse gefunden. Ist es ein blinder Fleck? 

 Ich habe, nach langer Überlegung, die Form des Blogs gewählt, weil sie maximal flexibel ist und dennoch auch umfangreichere und komplexere Ausarbeitungen zulässt. Das, was hier entsteht, wird kein Fließtext im klassischen Sinne sein, der gerade in wissenschaftlichen Texten so gerne die Illusion der Kohärenz erzeugt. Vor allem aber, das ist meine stille Hoffnung, ist es ein auf Interaktion angelegtes Medium. Es ist Work in Progress.

Mal sehen, ob es funktioniert. Beim Schreiben jedenfalls funktioniert es prächtig, nicht zuletzt auch wegen der Unterstützung durch ein KI_System (Claude Sonett 4.5), Wie das genau aussieht und vor sich geht, werde ich zu gegebener Zeit erläutern. Grundsätzliches dazu kann aber, wer will, schon hier lesen: kirche-und-kunstliche-intelligenz.html. Wie ich diesen blog überhaupt allen empfehle, die Lust haben, mal tief in meine Theoriewerkstatt zu schauen. 

Themen

Das wären die vorerst wichtigsten Themen, weniger die Reihenfolge. Ich versuche, die theologischen Themen zu bündeln, damit die Kundigen zu einem begründeten "Aha!" geführt werden, die Neugierigen es im Zusammenhang lesen können und die Skeptischen davon nicht in den anderen Artikeln belästigt werden - wobei, ich sage es lieber noch einmal deutlich - ich natürlich immer als Theologe rede, und, es sei lieber auch noch einmal extra gesagt, als Christ. Ich halte Nüchternheit für eine christliche, oder eigentlich sogar protestantische Kerntugend. Das ist natürlich eine harte These, die als Zuspitzung verstanden werden soll. Wobei ist nicht verhehle, dass ich im Bereich der Religionen von der Nüchternheit der islamischen Tradition auch sehr angetan bin, was die Okkupation des Islam durch hochemotionale Fanatiker noch trauriger und entsetzlicher macht. 

Ich hadere noch einem mehr historischen Abschnitt über "Die vier großen Ernüchterungen der Neuzeit", weil ich mir nicht mehr so sicher bin, ob dieser Gedanke, der im Kern von Sigmund Freud stammt, wirklich trägt und nicht zu sehr in historische und psychologische Fahrwasser gerät, in denen ich mich nicht so recht wohlfühle. Möglicherweise könnte das der Abschluss sein. Es scheint eine Geschichte der Traumatisierung des Abendlandes durch die Dynamik seiner eigenen Entdeckungen zu geben, die viel dazu beiträgt, dass wir so überdreht sind. Aber das fühlt sich für mich noch zu spekulativ an. 

Die Themenformulierung "Nüchternheit und....." stellte sich recht bald als gut geeignet heraus, "Nüchternheit" als Leitperspektive darzustellen. Dass es möglicherweise ein bisschen manieriert (oder gar manisch?) wirkt, mag sein. Der Weg von Fokussierung zu Besessenheit ist,  bei Lichte betrachtet, nicht sehr weit. 

  1. Die große Gereiztheit - Einführung: Warum Nüchternheit? 

  2. Nüchternheit und Geschrei - Über Empörungskultur und die nüchterne Stimme 

  3. Nüchternheit und Lüge - Post-Wahrheit und Hanlons Razor 

  4. Nüchternheit und das Kreuz - Die Torheit Gottes als ultimative Nüchternheit 

  5. Nüchternheit und Werte - Warum das Christentum keine "Werte" hat 

  6. Nüchternheit und Tod - Memento Mori als Weg zur Klugheit 

  7. Nüchternheit und KI - Zwischen Technoutopie und Technodystopie 

  8. Warum protestantisch? - Sola Scriptura, Sola Gratia und die Nüchternheit 

  9. Nüchternheit und Kitsch - Der religiöse Emo-Kitsch und die esoterische Verwandtschaft 

  10. Nüchternheit und schnelles Denken - System 1, System 2 und kognitive Verzerrungen 

  11. Nüchternheit und die Drama Queens - Über emotionale Übertreibung und Selbstinszenierung 

  12. Nüchternheit und innerweltliche Askese - Max Weber und die protestantische Arbeitsethik 

  13. Nüchternheit und Entzauberung - Max Weber, Tolkien und Byung-Chul Han über Moderne und Magie 

  14. Nüchternheit und der "gesunde Menschenverstand" - Warum common sense weder gesund noch verständig ist 


Weitere Themen - oder besser: Perspektiven - haben sich schon angekündigt. Vielleicht, verehrte Lesende, habt Ihr eine Anregung? 

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