Nüchternheit und die große Gereiztheit 2
Nüchternheit und die große Gereiztheit 2
Die Symptome der Gereiztheit
Die „große Gereiztheit" manifestiert sich in charakteristischen Symptomen, die das öffentliche und private Leben durchziehen.
Die Hypermoral.
Pörksen spricht von „Hypermoral" – jener Haltung, die jeden Fehler, jede Unachtsamkeit, jede Abweichung von der oft gerade erst etablierten Norm als schweres moralisches Vergehen brandmarkt. Verhältnismäßigkeit gibt es nicht mehr, keine Abstufungen zwischen geringfügigen Fehlern und schweren Verfehlungen. Alles wird mit maximaler Empörung quittiert, gesucht werden Schuldige statt Ursachen, Köpfe müssen rollen.
Nüchtern betrachtet ist moralisches Versagen oder gar böswillige Absicht im großen Maßstab eher selten, systemische Fehlleistungen sind sehr viel wahrscheinlicher (dazu später mehr). Das Bemerkenswerte ist dabei: Von der Hypermoralisierung profitieren letztlich immer die, deren moralischer Kompass nicht besonders fein ausgerichtet ist. Sie machen sich die Empörung zunutze und reizen sie auf.
In einer Demokratie führt das selten zu guten Ergebnissen.
Hypermoralisierung zersetzt Moral, also die banale vorbewusste Ethik des Alltäglichen, und das raubt Handlungssicherheit im Alltag: Man denke zum Beispiel an die Mülltrennung, die Frage nach der richtigen Heizung, oder die Verwendung der richtigen Pronomen, die zu „Reiz“-themen geworden sind. Wenn alles zum moralischen Diskurs wird, bricht er zusammen. Man isst dann sein Schnitzel aus Trotz.
Die Skandalisierung.
Alles wird zum Skandal. Eine unglückliche Formulierung wird zum Beweis für Rassismus. Ein Fehler wird zur Enthüllung des „wahren Charakters". Eine kontroverse Meinung wird zur Gefahr für die Demokratie. Diese permanente Skandalisierung ist Inflation – wenn alles Skandal ist, ist nichts mehr wirklich einer.
Dabei gibt es eine breite Skala von Ursachen für Fehler: schlichte banale Dummheit, unkluges Verhalten, Fehleinschätzung, kleinlicher Egoismus, angstgeleitetes Verhalten oder Statusunsicherheiten, um nur einiges zu nennen, auf den von Kahnemann beschriebenen Noise werde ich noch extra eingehen.
Das kann leicht dazu führen, dass die wirklich obszönen, ekelhaften, gefährlichen und zerstörerischen Ereignisse und Handlungen nicht mehr in ihrer Tragweite erfasst werden können. Das ist nicht einfach Abstumpfung, sondern eben Überreizung, also eher das Gegenteil – freilich mit demselben Ergebnis.
Und genau das nutzen die, denen Skandale egal sind: Die sowjetische Politik hat das mit dem „Whataboutismus“ auf die Spitze getrieben. Auf jeden Skandal auf der eigenen Seite ließ sich leicht ein Skandal auf der anderen finden. Nüchtern betrachtet „findet man bei jedem etwas“ – was den Begriff des wirklich Skandalösen entwertet und für die Fälle unwirksam werden lässt, die ihn verdienen.
Die Personalisierung.
Die Gereiztheit fokussiert auf Personen, nicht auf Strukturen oder Argumente. Das ist das Prinzip „Sündenbock“ – dem ich an anderer Stelle unter dem Stichwort „Opfer" nachgehen werde. Aber es hat auch eine Kehrseite: die Hochstilisierung zum Heiland und Retter, die bei der MAGA-Bewegung besonders gut zu beobachten ist. Nüchterne Einschätzung des Menschenmöglichen ist hier besonders gefordert. Zu Spitzenleistungen – im Guten wie im Bösen – sind Menschen durchaus in der Lage, aber doch äußerst selten. Die große Mehrheit bewegt sich im mittleren Bereich der Verteilungskurve und macht gelegentlich einfach nur Murks.
Besonders heikel ist dabei die Unterscheidung von Person und Werk. Nüchtern betrachtet würde kaum ein Werk die empört-gereizte Probe auf die Integrität seiner Schöpferinnen und Schöpfer bestehen. Stellen Woody Allens Neigungen alle seine Filme in Frage? Widerlegt Heideggers Nationalsozialismus seine gesamte Philosophie? Ist das Konfirmationsgeschenk der Tante nichts wert, die den Bruder der Mutter betrogen hat? Gereizte Personalisierung ist kein guter Kompass für ein gedeihliches Zusammenleben. Sie steigert das Genervtsein bis zum Hass. Und da wird sie politisch.
Die Folgen der Gereiztheit
Die „große Gereiztheit" ist nicht nur unangenehm – sie ist destruktiv. Und das Wort „toxisch" passt hier besonders gut, weil der Zustand der Gereiztheit süchtig machen kann und nach immer höherer Dosis verlangt. Wer den Zustand der Übernächtigung kennt – die ultimative Gereiztheit – weiß, dass er auch etwas Berauschendes hat, bis zum Delirium. Mein eigener Erschöpfungszusammenbruch, der aus purer Überreiztheit stammte, war ein beeindruckendes Wut-, Zorn- und Krakeelspektakel, das im Grunde nur durch physische Erschöpfung zum Stillstand kam.
Zerstörung des Diskurses.
Diskurs erfordert Zuhören, das Bemühen um Argumente, die Bereitschaft, sich zu irren. Im Zustand der Gereiztheit wird all das unmöglich. Man hört nicht mehr zu, man wartet auf die Gelegenheit zu kontern. Man argumentiert nicht, man denunziert. Und in der untersten – oder obersten? – Stufe ist man nur noch eine Art Schaltpult, bei dem jeder Knopf Wut, Empörung oder Resignation auslöst.
Erschöpfung und Selbstverstärkung.
Die permanente Gereiztheit ist anstrengend. Man muss ständig auf der Hut sein, ständig reagieren, ständig kämpfen. Diese Erschöpfung führt paradoxerweise nicht zu mehr Nüchternheit, sondern zu mehr Gereiztheit: Die Erschöpften haben keine Ressourcen mehr für differenziertes Denken, sie fallen zurück auf simple Schemata und emotionale Reaktionen.
Und greifen – hier wird aus der Metapher Realität – zu Drogen aller Art. Sei es Binge-Watching, Doomscrolling oder harte politische Drogen, wie sie jede Form von Radikalismus anbietet. Dass der Arzneimittelmissbrauch ständig steigt und es in den USA eine regelrechte Schlafmittelepidemie gibt, zeigt: Die Rede von der „Nüchternheit" als dringend erforderlicher Tugend ist keine bloß poetische Idee.
Wer gereizt ist, interpretiert Äußerungen anderer eher als Angriff, reagiert gereizter, provoziert gereiztere Reaktionen – was die eigene Gereiztheit bestätigt und verstärkt. Diese Spirale ist schwer zu durchbrechen.
Wir müssen auf Entzug. Aber die alltägliche Ernüchterung, wenn Dinge nicht so laufen wie sie sollen, reicht dafür nicht – sie ist selbst eine Kränkung und erzeugt neue Gereiztheit, die Gereiztheit des „Ich habs ja gleich gesagt". Auch eine „neue Sensibilisierung“ ist nicht der richtige Weg, weil es sich ja meistens nicht um Abstumpfungs-, sondern um Überreizungsphänomen handelt.
Es geht darum eine Haltung zu finden, die Erwartung, Einschätzung und emotionales Engagement in einem vernünftigen Verhältnis hält. Das kann man Balance nennen, oder ganz, altmodisch und im Sinne einer Tugendethik: das rechte Maß.
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