Nüchternheit und die „große Gereiztheit", Teil 1
Nüchternheit und die „große Gereiztheit", Teil 1
Ich hatte schon angedeutet, dass vor allem die
Erfahrungen der Corona-Zeit mir den Begriff der „Nüchternheit“ nahebrachten:
das, was ich am meisten vermisste.
Es deckte sich allerdings mit dem, was ich kurz
vorher schon gelesen hatte: Bernhard Pörksen, Die große Gereiztheit. Wege aus
der kollektiven Erregung, 2018.
Bernhard Pörksen: Gereiztheit
Mit „Großer Gereiztheit" meint der
Soziologie Pörksen jene Atmosphäre permanenter Aufgeregtheit, ständiger
Empörung und chronischer Erregung, die das öffentliche Leben – und zunehmend
auch das private – durchdringt. Wir leben in einer Epoche, in der jede
Nachricht zur Krise stilisiert wird, jede Meinungsverschiedenheit zum Skandal
hochgepimpt und jede Abweichung von der
vermeintlichen Norm zum Aufreger stilisiert wird. Es herrscht ein ungeheurer
medialer Lärm, der wie jeder Lärm, der sich nicht einfach abstellen lässt, die
Nerven schädigt.
Die digitalen Medien, insbesondere die sozialen
Netzwerke, haben diese Gereiztheit nicht erfunden, aber sie haben sie
verstärkt, beschleunigt, und, wenn man so will, demokratisiert: Jeder kann nun
jederzeit von jedem Ort aus seine Empörung in die Welt senden, jeder kann sich
zum Tribunal aufschwingen, jeder kann zum Ankläger, Richter und Vollstrecker
werden – alles innerhalb von Sekunden. Und zwar völlig unabhängig von
irgendwelchen Kompetenzen, und Ermächtigungen, und: anonym.
Stephane Hessel: Empörung
Das steht in einem seltsamen Kontrast zu einer
anderen Schrift, die im Jahre 2010 erschien und auf große Resonanz stieß: das
kurze Pamphlet des über 90jährigen ehemaligen Resistance-Kämpfers und
Bürgerrechtlers Stephan Hessel, „Empört Euch“. Sie traf auch den Nerv der Zeit.
Denn zugleich leben wir in einer Epoche bleierner Entwicklungslosigkeit und
Stagnation im politischen Bereich, was immer Rückschritte für die politisch und
sozial Schwachen bedeutet, weil es zur Elitenbildung führt. In welchem Ausmaß
das gerade geschieht, hätte sich Hessel 2010 noch nicht träumen lassen.
Darum ruft Hessel zur zivilgesellschaftlichen Empörung auf, und zwar nicht punktuell, sondern als eine Art demokratischer Grundhaltung – inspiriert vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus und dem Erbe der Allgemeinen Menschenrechtserklärung. Dabei ist Empörung für Hessel aber keine blinde Emotion, sondern die Wurzel politischen Engagements: Wer angesichts von Unrecht gleichgültig bleibt, verweigert seine Menschlichkeit. Er benennt konkrete Anlässe – wachsende soziale Ungleichheit, die Behandlung der Palästinenser, den Verrat am Ökosystem, die Aggressivität des Finanzkapitalismus – und plädiert für gewaltlosen, aber entschlossenen Widerstand.
Der Ton ist optimistisch, für heutige Ohren ein wenig
paternalistisch, aber: Empörung führt bei Hessel zu Engagement, zur
konstruktiven politischen Handlung. Das Pamphlet ist bewusst schlicht gehalten
– ein letztes Vermächtnis eines 93-jährigen Résistance-Kämpfers an die junge
Generation. Es hatte in kürzester Zeit eine Millionenauflage.
Die Perversion der Empörung
Pörksens Analyse und Hessels Aufruf stehen in
einem interessanten Spannungsverhältnis. Hessel rehabilitiert die Empörung
moralisch und politisch – sie ist bei ihm eine tugendhafte, gerichtete,
gewaltlose Reaktion auf erkennbares Unrecht. Pörksen hingegen diagnostiziert
eine Art Pathologie der Empörung (ich werde darauf im Kapitel über das Geschrei
noch weiter eingehen): Im digitalen Zeitalter hat sich Empörung von ihrem
ethischen Gehalt gelöst, ist zum Selbstzweck, zur medialen Erregungsware
geworden. Sie ist auch ein Produkt, mit dem man Klicks und Wählerstimmen
erzeugen kann. Was Hessel als Kraftquelle der Demokratie feiert, beschreibt
Pörksen als ihre gegenwärtige Gefährdung.
Man könnte sagen: Pörksen zeigt, was aus Hessels
Appell unter den Bedingungen der Empörungsgesellschaft geworden ist – eine Art
ungewollte Perversion seiner Intention.
Die Frage, die beide zusammen aufwerfen, ist theologisch-ethisch höchst produktiv: Wie unterscheidet man gerechte von toxischer Empörung? Impfgegner, Gelbwesten, Wutbürger, radikale Tierschützer, ideologische Veganer, die massive politische Verunglimpfung ökologischer Kernanliegen (samt dem Versuch, die Grünen politisch zu vernichten), die Verschiebung des politischen Diskurses zu Randfragen (etwa zu den weniger als 20.000 Arbeitsverweigern), die Überbetonung der Frage nach der Kriminalität (Gattenmord an der Partnerin durch einen deutschen Mann ist immer die am häufigsten auftretende Form des Mordes) – ich denke, jedem fallen sofort Beispiele ein, die zeigen, dass die kollektive Zündschnur recht kurz geworden ist und zu ständigen Diskursverschiebungen führt.
Und wäre hier mehr Platz und Zeit,
könnte auch der Irrtum widerlegt werden, dass die Gereiztheit sozusagen
schichtspezifisch oder ein soziales Disktinktionsmerkmal ist. Zumindest in
ihrer Anfangszeit war die Partei der empörten Gereiztheit, die AfD, eine
Professorenpartei (schon vergessen?).
Gereiztheit und Gewalt.
Bedenklich ist die Zunahme von Übergriffen auf
Polizisten oder Ordnungskräfte (was man sogar fast noch verstehen kann, wenn
man sie als Repräsentanten eines vermeintlich bösartigen Systems ansieht),
wirklich entsetzlich ist, dass auch Feuerwehrleute, Sanitäterinnen und
Sanitäter, Ärztinnen und Ärzte und andere, im sozialen Dienst tätige Menschen
ständig wachsender Aggression ausgesetzt sind. Politikerinnen und Politiker,
und zwar bis hinunter zur kommunalen Ebene, sind massiv und zunehmend Drohungen
ausgesetzt, oft wegen Nichtigkeiten oder banaler Entscheidungen, wegen einer
locker dahingeworfenen Bemerkung oder weil sie Tennis spielen.
Die große Gereiztheit fängt an, demokratiegefährdend
zu werden.
Diese „große Gereiztheit" ist das genaue
Gegenteil von Nüchternheit. Wo die Nüchternheit Klarheit sucht, produziert die
Gereiztheit Nebel. Wo die Nüchternheit Maß hält, kennt die Gereiztheit nur
Extreme. Wo die Nüchternheit differenziert, vereinfacht die Gereiztheit. Wo die
Nüchternheit geduldig wartet, weil sie mit Entwicklungen rechnet, reagiert die
Gereiztheit sofort.
Über Nüchternheit zu schreiben, ist für mich geradezu ein Akt des Widerstands gegen eine Kultur, die in ihrer eigenen Aufgeregtheit zu ersticken droht und die Empörung zu einem Dauerzustand entwickelt hat, in dem geregeltes Denken und besonnenes Handeln, kompromissbereite Kommunikation und empathische Distanz (ja, das gibt es) keine Chance haben. Ich muss mich vergewissern, dass Nüchternheit nicht Resignation, Kälte, Distanz oder Zynismus bedeutet.
Und ich muss mich erinnern: Nüchternheit war der
Politik- und Medienstil meiner Jugend. Alte Tageschauen zu gucken, ist da sehr
lehrreich.
Die Struktur der Gereiztheit
Es lohnt sich, noch ein wenig tiefer in die „große
Gereiztheit" einzutauchen. Sie ist kein zufälliges soziales evolutionäres
Phänomen, wie z. B. manche Moden, sondern sie hat strukturelle Ursachen.
Sie ist nicht einfach moralisches Versagen – als
ob die Menschen heute schlechter wären als früher –, sondern Resultat eines
Systems, das Gereiztheit produziert, belohnt und perpetuiert. Sie ist, als
Gegensatz zur Tugend der Nüchternheit, die schlechte Angewohnheit des
Pampigseins im großen Stil.
Die Ökonomie der Aufmerksamkeit.
In der unübersehbaren Informationsflut, die
längst zu Noise geworden ist, zu urteilsverrauschendem Lärm (Kahnemann), ist
Aufmerksamkeit die knappe Ressource. Die sozialen Medien, die
Nachrichtenportale, „das Internet“, das tägliche Leben – sie alle konkurrieren
um diese knappe Ressource. Und entgegen allen marktradikalen Beschwörungen
belebt Konkurrenz hier nicht das Geschäft, sondern treibt es zum Kollaps und in
die Extreme. Differenzierung, nüchterne Abwägung, Suche nach Gegenargumenten,
finden von Kompromissen: dafür ist keine Zeit.
Die Algorithmen, die bestimmen, was wir zu sehen
bekommen, sind darauf optimiert, uns auf der Plattform zu halten – durch
Engagement, durch Reaktion, durch Teilung. Und was erzeugt Engagement? Wut,
Empörung, Angst, Entrüstung. Eine nüchterne Analyse eines komplexen Problems
erzeugt wenig Reaktion; eine empörte Anklage gegen einen vermeintlichen Skandal
erzeugt virale Verbreitung. Das System ist so strukturiert, dass es Gereiztheit
systematisch bevorzugt.
Die Beschleunigung der Kommunikation.
Die Zeit zwischen Ereignis und Reaktion wird
immer kürzer, selbst in seriösen Nachrichtensendungen verschmelzen Meldung,
Statement und Wertung. Man erinnere sich an Print-Zeiten: Ein Ereignis geschah,
Journalistinnen und Journalisten recherchierten, Redaktionen diskutierten, ein
Artikel wurde geschrieben, redigiert, gedruckt, verteilt. Am nächsten Tag
konnte man lesen und reflektieren. Ich erinnere mich auch noch gut an die
bildarmen Bleiwüsten, die Tageszeitungen einmal waren.
Das geschieht nun zunehmend in „Echtzeit“,
simultan. Das Ereignis und die erste Reaktion fallen fast zusammen. Man erfährt
von etwas und wird sofort aufgefordert zu reagieren: „Was denkst du
darüber?" Die Zeit zur Reflexion, zur Abwägung, zur nüchternen Einordnung
fehlt.
Diese Beschleunigung produziert notwendigerweise
oberflächliche, emotionale, unreflektierte Reaktionen. Man reagiert aus dem
Bauch, nicht aus dem Kopf. Man urteilt, bevor man versteht. Man empört sich,
bevor man die Fakten kennt. Die Gereiztheit ist Folge der Geschwindigkeit – die
Geschwindigkeit lässt keine Zeit für Nüchternheit. Und sie trainiert toxische
Routinen ein, und ist damit so etwas wie eine Anti-Tugend. Denn Tugend heißt
ja: training.
Die Kultur der Empörung.
Es hat sich eine Kultur etabliert, in der Empörung als Ausweis moralischer Integrität gilt. Wer sich nicht empört, wird verdächtigt, gleichgültig zu sein, auf der falschen Seite zu stehen, komplizenhaft zu schweigen. Die Empörung wird zur Pflicht, zur Demonstration der eigenen Rechtschaffenheit. Man empört sich nicht mehr, weil man wirklich empört ist, sondern weil man zeigen muss, dass man zu den Guten gehört.
Damit
werden einst taugliche Begriffe zur Erfassung politischer oder
weltanschaulicher Haltungen oder sozialer Beschreibungen zu Buzzwords, die nur
aus der gegenseitigen Differenz leben: Faschismus oder Wokeness, konservativ
oder modern, Boomer oder Gen Z, Macho oder kontextsensibel, patriarchal oder
feministisch. Die Empörungskultur im Modus der Gereiztheit tendiert zu
Manichäismus: einem radikalen metaphysischen Entweder-Oder.
Weil auf reflexhafte Empörung aber reflexhafte Empörung
folgt, entsteht der Eindruck: „Man darf ja nichts mehr sagen“. Und das ist in
einer demokratischen Gesellschaft ein massiver Vorwurf. Setzt sich das in den
Köpfen fest, wird es bedenklich. Denn dann gibt es keine Möglichkeit mehr,
offensichtlichen Unfug argumentativ zu bekämpfen.
Und diese Erosion erleben wir gerade.
Performative Empörung erzeugt einen Wettbewerb der Empörung: Wer am lautesten schreit, wer am schärfsten verurteilt, wer am radikalsten fordert, gewinnt Aufmerksamkeit und Anerkennung. Diese Dynamik steigert die Gereiztheit systematisch – niemand will zurückstehen, alle überbieten sich gegenseitig in der Intensität ihrer Empörung.
Und was das
perfide ist: Wer das aus der Distanz nüchtern beobachtet, daraus seine Schlüsse
zieht und das so Erkannte für seine Zwecke nutzt, ohne durch Skrupel daran
gehindert zu werden, hat einen Vorteil. Wer sich nicht empört, kann die
Empörten betören, wer ruhig bleibt, manipuliert die Hitzigen, wer nüchtern ist,
besiegt die Besoffenen.
Die Digitalisierung der Gewalt.
Die sozialen Medien haben eine neue Form der
Gewalt ermöglicht: die digitale Gewalt des Shitstorms, des Doxxing, der Cancel
Culture. Diese Gewalt ist real – sie zerstört Reputationen, Karrieren, manchmal
Leben. Und sie ist demokratisiert: Jeder kann sie ausüben, ohne physische
Präsenz, ohne rechtliche Konsequenzen, oft anonym.
Die Schwelle zur Gewalt ist drastisch gesunken, vor
allem der Übergang von virtueller Gewalt
zu physischer Gewalt. Und da habe ich nicht Computerspiele vor Augen. Sondern
Chatgruppen, die sich gegenseitig hochschaukeln, bis ein psychisch instabiler
Mensch zur Waffe greift. Ich fürchte, es ist so simpel, wie es hier klingt. „Er
hat sich im Netz radikalisiert“ heißt es dann. Via Telegramm, nicht via Call of
Duty.
Diese Gewalt ist Ausdruck extremer Gereiztheit.
Man ist nicht mehr nur anderer Meinung, man will den anderen vernichten. Man
diskutiert nicht mehr, man denunziert. Man argumentiert nicht, man mobbt. Diese
Eskalation ist nicht Ausnahme, sondern wird zur Normalität – zur erwartbaren
Reaktion auf Abweichung, auf Fehler, auf Provokation. Wir gehen uns permanent
auf die Nerven.
Was tun?
In Anlehnung an ein Bonmot von Harry Rowohlt:
AntwortenLöschen"Die Empörung über die Empörung ist die promovierte Form der Empörung."
Guter Text. Sie können wahrlich schreiben. Ich möchte noch zu Bedenken geben, dass es bei diesem Diskurs stets nur um Beobachtungen in den öffentlichen Medien (Talkshows, Anklickraten durch Schlagzeilen, etc.) und in den sozialen Medien geht (X und Co.). Die Menschen im echten Leben reden aber anders miteinander und gehen auch anders miteinander um. Ich habe keine validen Zahlen, schätze aber, dass der Anteil von "echter" Kommunikation zu dem von internetgebundener ungefähr 99 : 1 ist. Die 99 Prozent laufen offener, verständnisvoller und abwägender ab (zumindest etwas).
Wir schauen uns ein spezielles Phänomen an und schließen aufs Ganze. Ich glaube, dass ist der falsche Weg. Das wäre in etwa so als wenn man, um das Trinkverhalten der Deutschen zu erkunden, den Inhalt von Altglascontainern untersuchen würde. Ergebnis: Alle Deutschen saufen fast ausschließlich Schnaps und Wein.
Sie verzeihen mir das etwas schiefe Bild, aber Sie wissen, worauf ich hinaus will. Ich habe vor einiger Zeit meinen X-Account gelöscht, weil ich vor allem die Diskrepanz zwischen dem Getöse dort und den echten Gesprächen - zum Beispiel in der Umkleide des Fitnessstudios - nicht mehr aushielt. Und glauben Sie mir, die Umkleide eines Fitnessstudios ist in politischer Korrektheit nicht die geübteste.
Vielen Dank für Ihren Artikel, er gibt mir trotz meines Einwurfes viel zu denken.
Christian Widder
https://paule002.blogspot.com/
Danke! Ich werde dazu auch noch etwas schreiben, über die 80% Normalen. Im Abschnitt über Hanlons Razor klingt es schon an. Allerdings zeigen 25% AfD-Wähler schon eine Tendenz an.
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