Nüchternheit und die große Gereiztheit 3: Nüchternheit als Antitoxin
Nüchternheit und die große Gereiztheit 3: Nüchternheit als Antitoxin.
Nach diesem analytischen Gang, der sich auf Pörksens Diagnose stützte, versuche ich nun zu beschreiben, was „Nüchternheit" als Gegengift, als Kur, als Anti-Training bedeutet: nicht einfache Verweigerung, nicht Abstinenz, sondern eine aktive Haltung, eine Lebensperspektive.
„Tugend“
Deswegen nehme ich den klassischen Tugendbegriff auf, dessen Abgründe ich freilich kenne. Man kann auch in äußerster Nüchternheit den Gashahn aufdrehen oder die Gattin erschlagen – als Produkt eines rationalen Kalküls, das verschiedene Emotionen ausbalanciert hat. Die Diskussion über die „Sekundärtugenden“ in meiner Jugend hat das deutlich herausgearbeitet.
Zum Begriff der Tugend, der einübbaren Haltung, gehören zwingend der Begriff des Guten als Handlungsziel und der Gesellschaft als Bezugsgröße. Tugenden sind keine leeren Haltungen und auch keine heroischen Attitüden.
„Fleiß“ ist nur dann eine Tugend, wenn er gute Ziele hat. Um seiner selbst willen ist Fleiß nicht nur sinnlos, sondern sogar zerstörerisch.
„Anstand“ – um noch ein Reizwort zu verwenden, das schlechte Presse hat – ist nur dann tugendhaft, wenn er lebensfördernd und raumgebend ist; alles andere ist nämlich unanständig.
Das alles werde ich noch genauer ausführen, denn zur Tugend gehört auch, dass sie nicht abstrakt erörtert werden kann. Sie muss in kleinen Schritten eingeübt werden, die auch schon einmal im Kreise laufen. Was zugleich besagt: Sie ist nicht angeboren. Tugenden sind Kulturprodukte par excellence. Sie sind Bildungsgegenstände.
Ihr Gegenbegriff ist die Barbarei.
Das mag genügen, um die Richtung künftiger Denkbewegungen zu beschreiben. Die folgenden Kapitel werden mehr oder weniger alle diese Struktur haben: Ich beschreibe ein Phänomen, schaue, wo es seine für das gedeihliche Zusammenleben schädliche Seite hat, und entwerfe von daher eine Perspektive auf die Nüchternheit, die mit diesen Phänomenen umgeht.
Wie umgehen mit der Gereiztheit und ihren Effekten?
Schon der Schritt zurück, den wir unternehmen mussten, um das Phänomen überhaupt in den Blick zu bekommen, ist selbst eine nüchterne Haltung. Denn Distanz ist ein Merkmal von Nüchternheit – hier sogar eine epistemische, also eine auf methodische Erkenntnis zielende Distanz. Die Philosophie nennt sie Epoché: Innehalten, bevor man urteilt. Das ist mehr als bloße Besonnenheit, ein Augenblick des „Momentmal“. Es ist ein echter Stopp, eine Unterbrechung und ein Aufschub.
Die Verweigerung der sofortigen Reaktion.
Nüchternheit verweigert sich dem Zwang zur sofortigen Stellungnahme. Sie nimmt sich Zeit – Zeit zu verstehen, zu prüfen, zu überlegen. Diese Verzögerung ist ein widerständiger, geradezu asketischer Akt in einer Kultur der Unmittelbarkeit und der rapid response. Sie sagt: Ich lasse mich nicht treiben von der Dynamik der Empörung, ich bestimme selbst, wann und wie ich reagiere. Und ich reagiere erst einmal nicht emotional. Ich frage: Was ist der Fall? – nach Ludwig Wittgenstein die philosophische Frage überhaupt, die noch vor dem Staunen kommt. Das heißt, dass ich auch von der Empörungs-Empörung Abstand nehmen muss. Das kann zu Entzugserscheinungen führen: Man ist plötzlich nicht mehr automatisch auf der richtigen Seite – und das ist ein sehr wesentliches Merkmal von Nüchternheit.
Die Praxis der wohlwollenden Interpretation.
Statt automatisch das Schlimmste anzunehmen, übt Nüchternheit wohlwollende Interpretation. Im Hintergrund steht die schlichte Einsicht, dass man die Situation falsch einschätzen könnte, oder sie zwar richtig einschätzt, aber falsche Schlüsse zieht, oder schlicht völlig daneben liegt - vor allem wenn es um Ursachen, Motive oder Schuld geht.
In der Rechtsprechung gilt das als Grundsatz: „In dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten. Und in einer überreizten Stimmung sitzen alle vor Gericht.
Eine nüchterne Haltung fragt: Könnte das auch anders gemeint sein? Könnte ein Missverständnis vorliegen? Könnte guter Wille trotz schlechter Formulierung vorhanden sein? Ungeschicklichkeit oder gar Dummheit?
Diese Großzügigkeit ist nicht Naivität, sondern Weisheit – die Anerkennung, dass Menschen fehlbar sind und dass Kommunikation mit höherer Wahrscheinlichkeit misslingt als gelingt. Von allem, was Menschen treiben, ist Kommunikation das Riskanteste.
Die Unterscheidung von Wichtig und Unwichtig.
Das geht tiefer als die Frage nach „Prioritäten", die in der kapitalistischen Produktionslogik immer schon einen Handlungsappell enthält.
Nüchternheit wird hier zur intellektuellen Tugend, die sich Mühe gibt, Sachverhalte erst einmal zu unterscheiden, dann präzise zu beschreiben und nach ihren möglichen Wirkungen zu fragen.
Denn nur was wichtig ist, hat einen sinnvollen Effekt – eine verblüffende Einsicht, für die ich ein halbes Leben gebraucht habe. Nochmals: Mit „Nüchternheit" meine ich keine kühle Zurückhaltung, die in Wahrheit ein Rückzug ist, sondern einen aktiven Habitus.
Zwei weitere, noch grundsätzlichere Praktiken gegen die Gereiztheit müssen noch genannt werden, auch auf die Gefahr hin, banal zu klingen. Ich werde auf beide noch öfter eingehen – etwa wenn es um Emo-Kitsch und esoterisches Getue geht. Darum hier nur die Richtung:
Die Kultivierung der Stille.
Gegen die permanente Berieselung mit Informationen, Meinungen, Empörungen setzt die Nüchternheit die Stille. Sie schafft Räume ohne digitale Medien, ohne News-Feeds, ohne ständige Erreichbarkeit, auch schon mal: Ohne Menschen (der ständige Zwang zur Gemeinschaft ist ja auch ein Reizfaktor).
Stille ist dabei nicht die bloße Abwesenheit von Lärm, kein Zustand der Reizlosigkeit. Stille ermöglicht Lauschen: aktives Hinhören. Meisterinnen und Meister der Nüchternheit hören selbst noch im größten Lärm die leisen Töne. Da hat die Nüchternheit, ganz gegen ihren schlechten Ruf, einen poetischen Zug.
Die Praxis der Demut.
Nüchternheit ist demütig. Sie weiß, dass die eigene Perspektive begrenzt ist, dass man sich irren kann, dass die Wahrheit komplex ist. Diese Demut macht weniger anfällig für die Versuchung, sich moralisch zu überhöhen, andere zu verdammen, sich selbst für unfehlbar zu halten. Sie öffnet für Dialog, für Korrektur, für Lernen. Und hier kommt die christliche Perspektive ins Spiel – denn Demut ist selbst eine Tugend, eine trainierbare Haltung, und sie ist noch übler beleumundet als die Nüchternheit.
Demut als Gegengift gegen Gereiztheit: Das klingt selbst ein bisschen gereizt.
Um darum nicht zu verharren, gibt es ein paar interessante Werkzeuge, die wir uns als nächstes anschauen: Hanlons Razor, Occams Razor, das Pareto-Prinzip und Schnelles Denken-Langsames Denken, ganz zum Schluss schauen wir uns den „gesunden Menschenverstand“ an. Hier geht es also um Ernüchterung.
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