Nüchternheit und der „gesunde Menschenverstand"

 Nüchternheit und der „gesunde Menschenverstand"

 

„Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand!"  Der Appell an den „gesunden Menschenverstand" gilt als entscheidendes Argument – wer ihn besitzt und einsetzt, ist vernünftig; wer ihn anzweifelt, ist weltfremd, übertheoretisiert, abgehoben und neuerdings, in völliger Verkennung der Bedeutung des Begriffs, "woke". Der gesunde Menschenverstand gibt sich als die nüchterne Haltung schlechthin aus.  Darum verdient er einen genaueren Blick. Gerade die mit ihm oft verbundene auftrumpfende Selbstgewissheit macht misstrauisch.

 

Aus einer Redewendung, die noch vor wenigen Jahrzehnten in der Umgangssprache  so etwas wie den (gutbürgerlichen) Alltagsverstand meinte (unter dessen Schirmen ich in einer Handwerker-Bauernfamilie zum Beispiel großgeworden bin), ist eine ideologisch anmutende Kampfmetapher geworden, ein rhetorisches Werkzeug, das einen großen Begriff bemüht, um begriffliche Schärfe gerade zu verweigern.

 

Sie bedeutet inzwischen fast das Gegenteil von dem, was sie einst meinte. Höre ich "gesunder Menschenverstand", gehen bei mir sämtliche Warnlampen an: Da kommt dann in der Regel weder „Gesundes“, noch Menschliches oder gar Verständiges, sondern eher Traumatisierendes, Menschenverachtendes und Irrationales, das, was neuerdings auch gerne "Meinung" genannt wird. Schon allein der Differenzbegriff „gesund“ unterstellt ja, dass der Andere einen „kranken“ Verstand hat, der Begriff ist pathologisierend, und die Differenz gesund/krank gehört, außer in der Medizin, in das Wörterbuch des Unmenschen.

 

Der "gesunde Menschenverstand" stellt fest, es habe schließlich schon immer heiße Sommer gegeben (draußen sind gerade 38° C im Juni), der Mensch sei nun einmal so (was dann meistens bedeutet: rassistisch, sexistisch, voller Vorurteile und egoistisch) und  Politikern könne man grundsätzlich nicht trauen, eine Haltung, die Demokratie untergräbt. Es ist in Wahrheit die Verweigerung des Denkens und die zur Überzeugung gewordene Empathielosigkeit und Eindimensionalität.

 

Auffällig ist dabei der  "kleine Leute"-Impetus. Der "gesunde Menschenverstand" hat eine soziologische Komponente, und man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass er ressentimentgeladen ist.

In seiner radikalisierten und völlig pervertierten Form als „gesundes Volksempfinden“ diente er der Rechtfertigung  gruppenbezogener Gewalt während der Zeit des Nationalsozialismus, mit ihm wurde die Aushebelung des Rechtes begründet. Er fand als Rechtsgrundsatz sogar Aufnahme im Strafgesetzbuch, der tiefste Punkt, den eine quasi naturrechtliche Rechtsbegründung jemals erreichte („Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches" vom 28.6.1935, § 2 StGB).

Es ist daher nicht verwunderlich, dass im politischen Bereich vor allem Populisten und Rechtsextreme sich auf dieses Argument stützen und sich z.B. die AfD als Partei des „gesunden Menschenverstands“ verkauft — nach einer Recherche der Politikjournalistin Judit Čech postulierte das ihr Gründer Bernd Lucke bereits 2014. Im Deutschen Bundestag verwendeten AfD-Abgeordnete den Begriff seit 2013 insgesamt 58-mal, mehr als jede andere Fraktion. 2018, ein Jahr nach dem Einzug der AfD ins Parlament, versiebenfachte sich der Gebrauch gegenüber 2014. Leider konnte ich keine neueren Zahlen finden.

Der ehemalige AFD Vorsitzende und Professor für Ökonomie Jörg Meuthen sei stellvertretend zitiert, (auch wenn er noch für eine, aus heutiger Perspektive, gemässigte Linie stand): „Linksgrüne Hypermoral und gesunder Menschenverstand scheinen unvereinbare Gegensätze zu sein." Alexander Gauland attestierte den Grünen, dass in ihrem Wahlprogramm „so gut wie kein gesunder Menschenverstand zu finden" sei.

Der gesunde Menschenverstand - Politik | politik&kommunikation

In einer komplexen Welt ist das keine harmlose Haltung, sie ist hochemotional, hat Erregungspotential und ist Ausdruck der schon benannten Gereiztheit. „Man solle doch nicht alles so kompliziert machen“, heißt es dann gerne. Aber es ist kompliziert.

 

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ich mich zustimmend dem Papst zuwende. Aber hier folge ich Franziskus, der in einer Ansprache im Franziskus am 20. April 2013 in der Vatikanischen Frühmesse betete: „Der Herr befreie uns von der Versuchung des gesunden Menschenverstands." Er hatte dabei die Konflikte zwischen Jesus und den Pharisäern im Blick. Auch in der Religion bzw. im Bereich des Glaubens ist der „gesunde Menschenverstand“ als eine Art vordiskursive Verständigung über das, was gelten soll, nicht gut gelitten. Er neigt zu dem, was in der reformatorischen Tradition „Gesetzlichkeit“ genannt wird, also zu der Illusion, dass regelgeleitetes Handeln ein Zugehörigkeitskriterium ist. Dem werde ich mich, wenn es um die theologische Reflektion der „Nüchternheit“ geht, noch genauer zuwenden. 

Ich habe allerdings auch noch einen weniger „verdächtigen“ Zeugen, der schon sehr früh sah, wohin es führen kann, wenn die Welt und die Weisen, sie zu erklären, zunehmend komplex und kontraintuitiv werden – und das Zitat ist zugleich ein Hinweis darauf, dass mit dem „gesunden Menschenverstand“ von Anfang an etwas faul was, das möglicherweise in den letzten Jahrzehnten nur eskaliert ist:

„Wenn Einsicht und Wissenschaft auf die Neige gehen, alsdenn und nicht eher, sich auf den gemeinen Menschenverstand zu berufen, das ist eine von den subtilen Erfindungen neuerer Zeiten, dabei es der schalste Schwätzer mit dem gründlichsten Kopfe getrost aufnehmen, und es mit ihm aushalten kann. Solange aber noch ein kleiner Rest von Einsicht da ist, wird man sich wohl hüten, diese Nothilfe zu ergreifen. Und, beim Lichte besehen, ist diese Appellation nichts anders, als eine Berufung auf das Urteil der Menge; ein Zuklatschen, über das der Philosoph errötet, der populäre Witzling aber triumphiert und trotzig tut“. (Immanuel Kant, Prolegomena)

 

Nüchtern betrachtet ist der „gesunde Menschenverstand“ heute eine politische Waffe – Ausdruck von Gereiztheit und Rationalitätsverweigerung. Darum meine These: Der sogenannte „gesunde Menschenverstand“ ist weder gesund, noch menschlich, noch verständig. Er ist die unreflektierte Summe von Vorurteilen, kulturellen Selbstverständlichkeiten und kognitiven Verzerrungen – getarnt als natürliche Vernunft. Der gesunde Menschenverstand imitiert Vernunft sowie bestimmte Formen von politischer Rationalität und ist darin - konträr zu seiner Intention – hochemotional. 

 

 

Was ist „gesunder Menschenverstand"?

Der Begriff hat eine komplizierte Geschichte: Bei Aristoteles bezeichnet die „koinē aisthēsis“, später von Thomas von Aquin als „sensus communis“ übersetzt, den „gemeinsamen Sinn“. Damit ist erst einmal ganz analytisch-technisch schlicht der Ort im Erkenntnisapparat gemeint, in dem Sinnesdaten zusammenlaufen.

Er war ursprünglich eine erkenntnistheoretische Beschreibung, die sehr viel mit der Frage zu tun hat, wie real die Außenwelt ist, wenn wir sie doch nur über (potentiell trügerische) Sinnesdaten erreichen, bzw. sie uns nur auf diese Weise erreicht.

Der „sensus communis“, der „Gemeinsinn“ ist also so etwas wie das Datenverarbeitungszentrum. Es ist  der Vernunft vorgelagert  und konstruiert aus den chaotischen Reizen und Signalen der Haut (als Tasteindruck, Höreindruck, Bild oder Geschmackserlebnis)  einen geordneten Datenstrom, den Verstand und Vernunft dann quasi auslesen.

„Communis“ bezieht sich hier also (noch) nicht auf die menschliche Gemeinschaft, im Sinne von „allen gemeinsamer Sinn“, sondern auf die Gemeinschaft der Sinne selbst. Das sollte sich folgenreich verschieben. Denn die Idee, dass dieser Verarbeitungsmechanismus bei allen Menschen gleich ist, ist darin schon enthalten.  

 

Dieses Element der allen gemeinsamen vorrationalen Erkenntnisgewissheit schwingt auch im modernen, eher psychologisch-soziologischen oder gar ethischen Begriffes des „gesunden Menschenverstandes“ noch mit. (Kants kritische Analysen der Erkenntnis setzt genau hier an: er stellt fest, dass es an dieser Stelle des Erkenntnisprozesses noch gar nicht um Inhalte geht, sondern um formale Verknüpfungsprozesse). 

Die nicht-analytische Rede vom sensus communis aber meint auch Inhalte. Unterstellt wird ja nicht nur „gesundes“ Denken, sondern viel grundsätzlicher auch eine „gesunde“ Wahrnehmung. Wer gegen den „gesunden Menschenverstand“ redet und handelt, ist nicht einfach nur irre, er hat einen schweren Wahrnehmungs- und Datenverarbeitungsfehler. Das ist für eine politische Debatte eine sehr grundsätzliche Feststellung.

 

 

Das Paradox darin ist: Was als Versuch einer möglichst präzisen Beschreibung unseres erkennenden  Intellektes begann, entwickelt einen antiintellektuellen Zug, weil nun die vermeintlich „natürliche“ vorrationale Einsicht gegen „falsche“ und „künstliche“ Abstraktion ins Feld zog.

Das führte in der Philosophiegeschichte zu einigen recht interessanten Drehungen und Wendungen, denen ich mich hier leider nicht weiter zuwenden kann. Es muss es bei ein paar Andeutungen belassen.

 

Vor allem im Laufe der Aufklärung wird der der „gesunde Menschenverstand" (englisch: common sense, französisch: bon sens) zunehmend definiert als die natürliche, unmittelbare, allen Menschen gemeinsame Fähigkeit, die Dinge richtig zu beurteilen, ohne gelehrte Bildung oder komplizierte Theorien.

Also das, was einem so unmittelbar einleuchtet. Aus dem technischen Begriff wird immer mehr ein sozialer und moralischer Begriff, der zwei Erkenntnisweisen gegeneinander ausspielt.

Es ist eine universalistische Auffassung von Erkenntnis, die hier unterstellt wird, die allen, die das nicht vermögen, im Grunde grundlegende menschliche Fähigkeiten abspricht. Um einmal ein wenig dekonstruktivistisch zu argumentieren und das Nichtgesagte ans Licht zu holen: es ist das, was in der oben schon  benannten Differenz „gesund vs. krank“ mitgesagt ist. Abstraktion auf zweiter Ebene ist potientiell pathologisch.

Andererseits klingt diese Definition demokratisch und sympathisch, und diesen Impuls hat sie auch gehabt, weil sie eben Erkenntnisfähigkeiten universalisiert. Sie ist zum Beispiel deutlich in der US-amerikanischen Verfassung verankert oder in den Idealen der französischen Revolution, denen niemand ihren guten Willen abspricht und die in der Tat große Durchbrüche zur Errichtung freiheitlicher Gesellschaften waren.

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.“ (Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, 1776; ähnlich ja auch die Erklärung der allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte von1789).

Beide berufen sich auf eine quasi naturgegebene und selbstevidente Einsicht, eben den allgemeinen Menschenverstand. Beide suggerieren (und es ist eine Suggestion!), dass die Wahrheit einfach, zugänglich und unmittelbar einsichtig sei.

 

Man braucht keine Experten, keine Philosophen, keine Theologen – ein bisschen Nachdenken genügt, und die richtige Antwort liegt auf der Hand. Es ist die Behauptung einer bezwingenden Klarheit für alle, die von Verstand sind und „ihre fünf Sinne beisammen haben“ (da laufen beide Bedeutungen von „sensus communis“ zusammen). Gerne wird dann auch gesagt: „ist doch logisch“.

 

Die Vorgeschichte dieser Behauptung allerdings zeigt, dass das keineswegs so selbstverständlich war, wie es den diversen Gründervätern erschien. Es ist, um in der Umgangssprache zu bleiben, eher „klar wie Kloßbrühe“: eine privilegierte Sicht auf die Welt.

 

Der Appell an den „gesunden Menschenverstand" war immer ideologisch aufgeladen. Er wurde benutzt, um Herrschaft zu legitimieren und Kritik abzuwehren, und er hatte immer einen metaphysischen Hintergrund.

Der „gesunde“ oder „allgemeine“ Menschenverstand tauchte argumentativ immer dann auf, wenn es galt, kritisch-kontraintuitive Einsichten abzuwehren.

 

Dabei spielt David Hume, der große Skeptiker und Empirist, eine wichtige Rolle. Er wurde zum Buhmann für alle, die versuchten, die Weltwahrnehmung in so etwas wie einfachen, selbstevidenten Einsichten und  möglichst ewig gültigen Sätzen zu verankern, jene Haltung also, die wir heute konservativ oder gar reaktionär nennen würden.

Die schottische Common-Sense-Philosophie (Thomas Reid) verteidigte den „gesunden Menschenverstand" gegen Humes Skeptizismus. Hume hatte gezeigt, dass Kausalität nicht beweisbar ist, dass die Außenwelt nicht gewiss ist, dass das Ich eine Illusion sein könnte und Wahrheit außer in streng logischen Bereichen letztlich auf Konvention beruht, vor allem im Bereich der Ästhetik und der Moral. Die Common-Sense-Philosophen antworteten: Das ist alles viel zu kompliziert. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass die Außenwelt existiert und dass es angeborene feste moralische Regeln gibt – und damit basta.

Das Problem: Dieser „gesunde Menschenverstand" war zutiefst konservativ. Er rechtfertigte die bestehenden sozialen Ordnungen, die herrschenden Moralvorstellungen und die etablierten religiösen Dogmen bzw. rationalistischen Überzeugungen.

Was der „gesunde Menschenverstand" für selbstverständlich hielt, war oft nur das, was die privilegierte Schicht oder die „Leitkultur“  für selbstverständlich hielt oder für selbstverständlich gehalten wissen wollte. Der „gesunde Menschenverstand“ erscheint auf der Seite statisch-linearen Denkens, das Gesellschaftsordnungen an sogenannten „natürlichen Ordnungen“ ausrichten wollte. Was dabei den wenigsten (außer eben David Hume) bewusst war: Auch „Natur“ ist ein konstruierter Begriff. Ganz polemisch gesagt: hier wurde mit epistemischen Pappkameraden gearbeitet und der „gesunde Menschenverstand“ wurde letztlich zu einer anti-intellektualistischen Begriffswaffe (in der Hand von ausgewiesenen Intellektuellen. Es ist alles sehr in sich verschlungen)

 

Eine besondere Rolle spielt hier, wie so oft, Immanuel Kant, dem die Herkunft des Begriffes des „gesunden Menschenverstandes“ aus dem „sensus communis“ (mit dem er sich ja in seinen Kritiken ausführlich befasst) sehr bewusst war.

Kants Rolle in dieser Geschichte ist dabei genauer, als das obige Zitat vermuten lässt – er polemisiert dort nämlich nicht gegen den gesunden Menschenverstand im Allgemeinen, sondern ganz konkret gegen genau diese schottische Schule mit ihrem antiskeptischen Impuls.

Reid habe  Humes eigentliches Problem – ob sich der Kausalbegriff a priori begründen lässt – gar nicht erst verstanden und es stattdessen mit der bloßen Berufung auf den „gemeinen Menschenverstand" für erledigt erklärt.

Kant  hält fest, dass Hume auf einen gesunden Verstand ebenso hätte pochen können – nur besaß Hume zusätzlich etwas, das den Common-Sense-Philosophen fehlte, nämlich eine kritische Vernunft, die den gemeinen Verstand erst in Schranken hält. Damit ist Kant einer der ersten, der den Reflex in der Rede vom Commons Sense durchschaut: Eine unbequeme Einsicht nicht zu argumentativ inhaltlich zu widerlegen, sondern durch Berufung auf eine angeblich allen gemeinsame Vernunft für erledigt zu erklären.

 

Ganz common-sense-feindlich ist Kant trotzdem nicht, er gibt dem Begriff aber eine neue Bedeutung, indem er ihn mit dem ästhetischen Urteil, also dem Geschmack, verbindet.

In der Kritik der Urteilskraft nimmt er den Begriff „sensus communis“ noch einmal auf. Der bloß „gesunde, noch nicht kultivierte" Verstand, schreibt Kant, trage diesen Namen eigentlich nur als eine Art Kränkung: als ob man jemandem zugesteht, immerhin das Mindeste zu haben. Mit mehr Recht, so Kant weiter, verdiene der Geschmack – das Vermögen ästhetischen Urteilens – den Namen „sensus communis“.

Denn Geschmack ist, anders als bloßer Verstand, keine Naturausstattung, sondern muss erworben werden: durch die Maxime der „erweiterten Denkungsart", also die eingeübte Fähigkeit, das eigene Urteil versuchsweise vom Standpunkt jedes anderen aus zu prüfen – also eingeübte Perspektivität, ein Tugendbegriff! „Sensus communis“ ist bei Kant also kein (quasi natürlicher) Besitz, sondern eine kulturelle Leistung. Und das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was politischer „gesunder Menschenverstand" heute tut: Der beruft sich auf eine angeblich angeborene, sofort verfügbare Gewissheit – und schließt jeden fremden Standpunkt von vornherein aus, statt sich an ihm zu prüfen.

 

Wirtschaftliche Vernunft als common sense

 

Eine besondere folgenreiche Variante des „gesunden Menschenverstandes", der sich als Inbegriff der Nüchternheit und der rationalen Entscheidung ausgibt, ist die sogenannte „wirtschaftliche Vernunft" (die, nicht überraschend, schon in der Präambel des Parteiprogramms der AfD auftaucht). Da wird die Trickster-Struktur des „gesunden Menschenverstandes" besonders deutlich, was sich als nüchterne Rationalität ausgibt, ist oft nur ein Mix aus Alltagspsychologie, Pseudoexpertise und radikaler Vereinfachung.

 

Er gibt sich nie als Meinung aus (oder, nach Kant, als ästhetisches Urteil), sondern als das, was jeder „vernünftige" und „lebenserfahrene" Mensch sowieso schon weiß, eine Art Standard-Expertise, die über Alltagserfahrung erworben wird und nicht über professionelle Ausbildung oder den Erwerb einer speziellen Expertise.

 

Genau das zeigt sich besonders deutlich, wenn von „wirtschaftlicher Vernunft“ die Rede ist. Aussagen wie „Der Markt weiß es besser“, „Es gibt keine Alternative“ oder „Die Wirtschaft verlangt das so“ wirken wie schlichte Tatsachen. In Wirklichkeit beruhen sie auf theoretischen Annahmen, die sich nur als Tatsachen verkleiden. Diese Theorie gibt sich als „einfach“ aus und verschleiert damit, wie stark ökonomische Modelle ideologisch geprägt sind – gerade weil sie eine hochgradig kontingente, oft chaotische Realität abbilden müssen. Die Berufung auf „wirtschaftliche Vernunft“ ist daher häufig nichts anderes als eine radikale Komplexitätsreduktion – und genau darin liegen ihre fatalen Folgen.

 

Ein gutes Beispiel ist die „Schwäbische Hausfrau", die ja sogar von der erznüchternen Protestantin Angela Merkel ins Gefecht geworfen wurde: Ein Staat solle wirtschaften wie ein Haushalt, also nicht mehr ausgeben, als er einnimmt. Das klingt einleuchtend, weil es aus dem Alltag stammt. Auf der Ebene eines ganzen Staates stimmt es aber oft nicht, weil er nur über Einnahmen finanziert seinen Aufgaben gar nicht nachkommen kann. Es stimmt übrigens auch nicht bei der schwäbischen Hausfrau, weil Geiz noch lange kein gutes Wirtschaften ist und eine Hausfrau nicht investiert, sondern fast ausschließlich konsumiert.

Genau das ist gesunder Menschenverstand im schlechtesten Sinne: Eine Alltagsregel wird einfach übertragen, ohne dass jemand nachprüft, ob sie hier überhaupt gilt.

 

Wird diese Haltung von vermeintlichen Experten vertreten, wird es besonders heikel: Dann erscheint „wirtschaftliche Vernunft“ plötzlich als ausgewiesene Kompetenz – als nüchterner, erfahrungsbasierter Verstand. Erstaunlich ist jedoch, dass genau jene Modelle, die sich auf solche vermeintlich einfachen Prinzipien berufen – vor allem strikte Sparprogramme oder „clevere“ Anlagemodelle –, in den vergangenen Jahrzehnten einige der größten wirtschaftlichen Katastrophen ausgelöst haben. Gerade dort, wo der gesunde Menschenverstand angeblich am Werk war, erwies er sich als unzuverlässig oder sogar gefährlich. Trotzdem gilt „wirtschaftliche Kompetenz“ weiterhin als Qualifikationsmerkmal und wird mit dem Anschein natürlicher Rationalität versehen. Diese Diskrepanz ist irritierend und verweist wohl auf die zunehmende Komplexität unserer Lebenswelt – und auf populistische Antworten, die einfache Erklärungen bevorzugen, selbst wenn sie nicht tragen.

Schon holländische Tulpenhändler des 17. Jahrhunderts könnten da eine andere Geschichte erzählen. Ihr Vertrauen auf das „natürliche“ und stetige Wachstum des Marktes erzeugte einen der irrationalsten Börsencrashs der Geschichte. Was sichtbar wird, ist, dass der Begriff der „Natürlichkeit" oder andere vermeintliche Naturmetaphern wie „Wachstum" oder „Konkurrenz" (verstanden als „survival of the fittest“) hier problematisch sind.

 

Der „freie" Markt wird gern als etwas beschrieben, das sich einfach von selbst einstellt, weil er den „natürlichen" Abläufen entspricht.

Aber hier liegt zum einen ein konstruierter Naturbegriff vor, der eine Naturalisierung erzeugt – das, was Roland Barthes einen „Mythos" nennt.

Zum andern war die Entstehung des modernen „Marktes" kein „Naturprozess", sondern eine der am meisten gemachten, abstrakten und gewaltsam durchgesetzten Ordnungen überhaupt.

Und wenn die Wirklichkeit nicht passt – Finanzkrisen, wachsende Ungleichheit trotz Wachstum –, heißt die Antwort selten: „Unser Modell war falsch". Sie heißt: „Es wurde nur nicht konsequent genug angewendet". Oder: Das ist alles „am grünen Tisch", in „Vorstandsetagen" oder – peak level des gesunden Menschenverstandes – von „Studierten" ausgedacht worden.

 

Diese Art der Argumentation ist nicht nur eine radikal unvernünftige Schuldverschiebung, sondern auch Ausweis von ideologisiertem Denken – derselbe Reflex wie beim gesunden Menschenverstand: nicht das eigene Bild korrigieren, sondern an ihm festhalten unter Berufung auf das, was „doch alle denken".

 

Der antiintellektuelle Impuls der Rede vom „gesunden Menschenverstand" kommt hier deutlich zum Vorschein. Das ist krass irrational, „banausisch" im wahrsten Sinne (früher hätte man von Krämerseelen gesprochen) und alles andere als nüchtern. Es konstruiert eine Art „a priori" aus einer Erfahrung mittlerer Reichweite (was an sich schon Unfug ist), konstruiert daraus eine „Theorie" über wirtschaftliche Zusammenhänge, gibt die als universal gültig aus, deklariert ihre „Einfachheit" als natürliches Wahrheitskriterium und immunisiert sie gegen Kritik, weil ihr Scheitern einfach nur falsche Anwendung ist. Damit lässt sich wunderbar populistische Politik betreiben.

Was besonders bedenklich daran ist: Damit wird eine Krise der Expertise erzeugt, die tatsächlich vorhandene Expertise von vornherein entwertet. Die nämlich kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit an ihrer problemorientierten Reflexivität aka Komplexität recht gut erkennen. Und die gibt es auch im Raum der Ökonomie, die, nüchtern betrachtet, tatsächlich dem „gesunden Menschenverstand" oft so fern ist wie Raketentechnik. Oder gar, noch nüchterner, in Wahrheit in einem strengen Sinne von Expertise gar nicht möglich ist, weil sich Ökonomie bei näherem Hinsehen als Glücksspiel entlarvt. Und das als Experte zu wissen und in die Expertise einzubauen: das wäre dann echte, völlig kontraintuitive, dem gesunden Menschenverstand vermutlich völlig ferne, Expertise. 

Es ist eine nüchterne Feststellung, dass der gesunde Menschenverstand höchst unzuverlässig ist und alles andere als der nüchterner Alltagsverstand, als den er sich gerne ausgibt. Mit seiner inszenierten Nüchternheit erscheint er wie ein Schatten seines Gegenteils, die doch beide davon leben, Rationalität auszuhebeln: der Drama Queen. 

 

 

 




Die vier historischen Ernüchterungen

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Einladung

Nüchternheit und die „große Gereiztheit", Teil 1

Disposition, Themen und Perspektiven