Illusionäre Gesellschaftskonzepte 2: die Ernüchterung über die Banalität der Demokratie
Illusionäre Gesellschaftskonzepte und die Ernüchterung über die
Banalität der Demokratie
Was im vorigen Kapitel für das einzelne Leben beschrieben
wurde, funktioniert im Kollektiv nach demselben Muster, nur mit höheren
Einsätzen.
Wenn ein irreales Lebenskonzept scheitert – die Karriere,
der Körper, die Beziehung –, verlangt die Grammatik der Illusion nach einem
Schuldigen, weil das Konzept selbst nicht in Frage gestellt werden darf.
Auf der individuellen Ebene richtet sich diese Schuld meist
nach innen: zu wenig Disziplin, zu wenig Glaube an sich selbst, schlechtes
Umfeld, von dem man sich übermäßig hat beeinflussen lassen.
Auf der kollektiven Ebene richtet sie sich nach außen. Die
Sozialpsychologie nennt das „relative Deprivation“, ein Konzept, das ich so
erst durch die Arbeit an diesem Kapitel kennengelernt habe (danke, Claude Opus 5),
und das mich sehr überzeugte, deswegen bringe ich ein Originalzitat:
„Zwischen Erwartungen und Möglichkeiten zur
Wunschbefriedigung, oder zwischen dem, was man hat, und dem, worauf man glaubt
einen berechtigten Anspruch zu haben, wird subjektiv eine Diskrepanz
wahrgenommen, die zu dysfunktionalen Gefühlen der Unzufriedenheit oder des
Ressentiments gegen andere führt. Nicht objektive oder strukturelle
Diskrepanzen (zum Beispiel soziale Ungleichheit, soziale Spannung,
Statusunterschiede oder ökonomische Unterschiede in der Ressourcenverteilung),
sondern subjektiv wahrgenommene bzw. eingeschätzte Diskrepanzen erzeugen eine
relative Deprivation respektive eine soziale, politische oder ökonomische
Unzufriedenheit.“
(Peter O. Güttler: Sozialpsychologie: Soziale Einstellungen,
Vorurteile, Einstellungsänderungen. 4. Aufl. Oldenbourg, 2003, S. 171. Aus dem
Wiki-Artikel „Deprivation“ )
Nicht die objektive Lage entscheidet über Unzufriedenheit,
sondern die Kluft zwischen dem, was man erwartet, und dem, was man bekommt.
Aktuelle deutsche Umfragedaten (ALLBUS 2018) zeigen: Wer relative Deprivation
empfindet, neigt überdurchschnittlich zu populistischen Einstellungen – über
Parteigrenzen hinweg. Deprivation ist oft auch der Anlass zur Entwicklung von
Ressentiments, aber es ist eben nicht dasselbe. Das war für mich eine wichtige
Einsicht. Denn gegen Ressentiments kann man meist wenig ausrichten, weil sie
stark kulturelle verankert sind oder auf persönliche Traumata zu rückgehen, wohingegen
Deprivation wesentlich „akut“ sozial generiert wird und deswegen auch leichter
zu beheben ist.
Was illusionäre Lebenskonzepte an Erwartung erzeugen,
liefert also den Rohstoff für genau diese Kluft. Man ist nicht arm, aber man
hat nicht das Leben, das versprochen wurde, man ist nicht vergessen und vedrängt,
aber man ist auch nicht so sichtbar, wie man meint, das einem zukäme z.B. als „Bürger“
– und die Suche nach Schuldigen beginnt: die Eliten, die Fremden, das System,
die „da oben“, Verschwörungsmythen.
Demokratie ist in diesem Wettbewerb strukturell im Nachteil.
Sie verhandelt, sucht und findet Kompromisse (auch schlechte), dauert lang,
enttäuscht in kleinen Schritten – sie ist, in einem Wort, banal, in genau dem
Sinn, den das vorige Kapitel dem Wort gibt. Vor der Bühne großer Erwartungen
wirkt das popelig, kleingeistig und sogar als „Geschachere“ (anstatt des „Big
Deals“, der im Moment politisch so Karriere macht)
Demokratie verspricht kein Ende der Reibung, keinen Helden,
keine Erlösung, keinen Schlusspunkt, nach der Debatte ist vor der Debatte. Wer
aber gelernt hat, ein Leben ohne Reibung zu erwarten, wer gelernt hat, dass
jemand ein Basta spricht oder gar mit Gewalt Lösungen erzwingt - erwartet das
auch von der Politik – und findet in jedem Populismus ein Angebot, das dem
privaten Versprechen gleicht: eine starke Führung, die endlich liefert, was die
eigene, mühsame Wirklichkeit nicht liefert, und die genau benennen kann, wer
daran schuld ist, dass es bisher nicht geliefert wurde. Zur Kultur der illussionären
Erwartung gehört auch ein Schuld- und logischerweise – Opferkult.
Die Illusion wirkt hier noch auf eine dritte, subtilere
Weise: Sie prägt nicht nur die Erwartung an eine Führung, die endlich liefert,
sondern auch die Erwartung an das Ergebnis von Politik selbst – nämlich
Konsens. Der Wunsch, eine Gesellschaft müsste sich am Ende, wenn nur die
Richtigen regieren und genug vernünftig geredet wird, im Wesentlichen einig
sein, ist eine der hartnäckigsten politischen Illusionen überhaupt, sie steht zuletzt
hinter all den völkischen Phantasien rechts und den genossenschaftlichen
Phantasien links.
Demokratie setzt aber genau das Gegenteil voraus: Dissens,
der nicht beseitigt, sondern verfahrensförmig ausgehalten wird. Demokratie geht
von der prinzipiellen Strittigkeit von Interessen aus. Das ist sozusagen der „Naturzustand“,
von dem sie herkommt, und nicht eine paradiesische Einigkeit, die dann verloren
ging, und was dergleichen aufklärerisch-romantische Träume mehr sind.
Wo eine Gesellschaft anhaltenden, tiefen Widerspruch als
Krankheitssymptom liest – als „Spaltung", die endlich „geheilt“ gehört –,
wird jeder, der weiterhin widerspricht, oder auch einfach nur eigensinnig ist, zum
Störfall, zum Sand im Getriebe eines Konsenses, der eigentlich längst da sein
müsste.
Genau diese Erwartung macht anfällig für das Versprechen,
endlich „durchzuregieren", den Streit per Dekret zu beenden, die Spaltung
von oben zu heilen.
Jacques Derrida hat dem mit dem Begriff der kommenden
Demokratie (démocratie à venir) widersprochen: Demokratie sei kein Zustand, der
eines Tages erreicht und dann gehalten werden könnte, sondern strukturell immer
erst im Kommen, permanent unabgeschlossen, offen für den Widerspruch, den
Einspruch, den Anderen, der noch nicht gehört wurde. Eine Demokratie, die
tatsächlich fertig wäre – vollständig einig, ohne Rest an Dissens –, wäre nach
dieser Lesart keine gesteigerte, sondern gar keine Demokratie mehr. Zu hohe
Konsenserwartungen sind deshalb nicht nur naiv, sie sind toxisch: Sie
verwechseln die Bedingung der Demokratie mit ihrem Defekt.
All das ist außerdem kein stabiler Zustand, sondern ein sich
aufschaukelnder Prozess – und das nicht nur innerhalb radikaler Bewegungen
selbst. Dort ist der Mechanismus bekannt und für Rechtsextremismus wie für
ethnische Konflikte gut beschrieben: ein Überbietungswettbewerb, in dem
Kompromissbereitschaft als Verrat gilt und nur das jeweils radikalere
Versprechen als authentisch durchgeht.
Folgenreicher und gerne mal übersehen ist aber das
Wechselspiel mit den Gemäßigten (wir erleben es gerade, wenn man es einmal
gesehen hat): Etablierte Parteien, die
um dieselben enttäuschten Wählerinnen und Wähler konkurrieren, reagieren auf
den Erwartungsdruck der Radikalen oft nicht mit Nüchternheit, sondern mit
eigener Gefälligkeitspolitik – mit Versprechen, die selbst wieder zwangsläufig
enttäuschen, weil auch sie an derselben Wirklichkeit scheitern.
Jede so erzeugte Enttäuschung radikalisiert die Erwartung
fürs nächste Mal weiter, und jede radikalisierte Erwartung erzeugt eine noch
größere, noch unwahrscheinlichere Enttäuschung. Das Ergebnis ähnelt der
Toleranzentwicklung, die man aus der Suchtforschung kennt: Was gestern noch als
Versprechen wirkte, wirkt heute nicht mehr, es braucht die nächste Dosis
Radikalität, um überhaupt noch Hoffnung zu erzeugen. Perpetuierte Enttäuschung
ist damit kein Betriebsunfall des Systems, sondern sein eingebauter Trend.
Der schärfste Punkt, um den es hier eigentlich geht, ist
aber ein reflexiver, der noch eine Drehung macht: Die Vorstellung, ein nicht-demokratisches
System könnte eine bessere Gesellschaft bauen, ist selbst ein illusionäres
Gesellschaftskonzept – und folgt derselben Grammatik wie alles andere in diesem
Blog.
Sie verspricht im Komparativ (einfacher, gerechter,
stärker), sie behandelt die reibungsvolle Gegenwart als bloßes
Durchgangsstadium zu etwas Besserem, und sie kann durch Scheitern nicht
widerlegt werden, weil jedes Scheitern eines autoritären Versprechens auf
Verrat, Sabotage oder noch nicht ausreichende Radikalität zurückgeführt wird –
nie auf das Konzept selbst.
Die Demokratie ist die einzige der hier verhandelten
Gesellschaftsformen, die ihre eigene Banalität nicht verstecken muss, weil sie
sie offen eingesteht: Sie behauptet nicht, Erlösung zu liefern, sondern nur ein
Verfahren, mit dem eine Gesellschaft ihre Konflikte gewaltfrei aushandelt.
Genau das macht sie so schwer zu verteidigen und so schwer zu ersetzen. Ihre „Schwäche“
ist genau ihre Stärke. Die einzige Illusion, die sie hegt, ist, Illusionen vermeiden
zu können.
Wie nüchterne Politik klingen könnte
Was folgt daraus für die Kommunikation selbst? Die
naheliegende Antwort – weniger versprechen, Erwartungen dämpfen, ehrlicher sein
– klingt fast zwangsläufig nach Verzicht, nach einer Politik, die sich selbst
kleinmacht. Bloß nicht nachgeben, keine Handlungsgrenzen eingestehen. Ich habe
lange in der PR gearbeitet und kenne diese fatalen Imperative.
Genau das ist aber ein Missverständnis, gegen das schon Max
Weber 1919 in „Politik als Beruf" argumentiert hat.
Das Konzept ist sicher immer noch vielen geläufig, es hat in
den letzten hundert Jahren keine wirklich neuen Beobachtungen dazu geben, weil
das, was anspricht, ein Art systemische Konstante ist. Dass sie vergleichsweise
simpel wirkt, zeigt auch, wie simpel – fatal simpel – das zu Grunde liegende
Problem ist.
Weber unterscheidet Gesinnungsethik von Verantwortungsethik.
Die Gesinnungsethik hält an der reinen Absicht fest und macht die Welt für das
Scheitern verantwortlich, wenn das Ergebnis ausbleibt – exakt die Struktur, die
hier als Grammatik der Illusion beschrieben wurde.
Die Verantwortungsethik dagegen übernimmt die Haftung für
die tatsächlichen, vorhersehbaren Folgen des eigenen Handelns in einer Welt,
die sich nicht fügt.
Das ist kein Verzicht auf Überzeugung, im Gegenteil: Weber
nennt drei Qualitäten, die den Politiker ausmachen – Leidenschaft,
Verantwortungsgefühl, Augenmaß –, und Leidenschaft steht an erster Stelle.
Nüchterne Kommunikation muss also nicht kühl klingen. Sie muss die Leidenschaft
nur an der Sache selbst festmachen, nicht am Versprechen eines garantierten
Ausgangs.
Praktisch heißt das: Richtung und Wert lassen sich mit
voller Überzeugung vertreten, ohne dass man das Ergebnis garantiert – „ich
halte diesen Weg für richtig" ist etwas anderes als „ich verspreche Ihnen,
dass es funktioniert". Ich erinnere
an die „Blühenden Landschaften“ Helmut Kohls. Ich habe damals schon den Atem
angehalten.
Zielkonflikte lassen sich benennen statt verstecken; wer
offen sagt, dass eine Entscheidung dieser Gruppe nützt und jener schadet,
behandelt sein Publikum als erwachsen, und das schafft eher Vertrauen, als
Kostenlosigkeit zu behaupten. Jeder Mensch, der halbwegs im normalen Leben
verankert ist, kann das nachvollziehen, dafür muss der gesunde Menschenverstand
mit seinen trügerischen Komponenten (siehe oben) nicht bemüht werden. Im Gegenteil:
Die meisten Menschen fühlen Wertschätzung, wenn man ihnen Pro und Contra
erklärt und die Risiken verdeutlicht. Nur in der Politik scheint das immer weniger
zu funktionieren.
Und Schwierigkeit selbst lässt sich als Anstrengung (aber
nicht als „grenzenloser Einsatz“) erzählen
statt als Entschuldigung: ein „starkes, langsames Bohren von harten
Brettern", wie Weber es nennt, ist kein bescheidenes Bild, sondern eines,
das Anstrengung mit Würde versieht. Ein Politiker, der darüber klagt, dass er
seine liebe Not hat, ist etwa anderes als ein Politiker, der die Schwierigkeiten
und Risiken eines politischen Prozesses beschreibt.
Dass das trägt, zeigt sich historisch dort, wo Politiker das
Gegenteil von Beschwichtigung gewagt haben. Churchills erste Rede als
Premierminister 1940 versprach den Briten ausdrücklich nichts als „blood, toil,
tears and sweat" – kein schnelles, kein leichtes Ende. Gehört wurde sie
trotzdem nicht als Kapitulation, sondern als Mobilisierung, gerade weil sie den
Zuhörern nichts vormachte. Er bekam von der Geschichte mehr Recht, als ihm lieb
war, er kam aber an dem Ziel an, das er haben wollte (jedenfalls aus
historischer Sicht, nicht aus seiner).
Der Unterschied zur illusionären Kommunikation liegt also
nicht in der Lautstärke der Überzeugung, sondern in ihrem Objekt. Wer
verspricht, ein Problem werde verschwinden, verspricht etwas, das er nicht in
der Hand hat. Wer verspricht, ernsthaft und ohne Ausrede an einem Problem zu
arbeiten, verspricht etwas, das er halten kann.
Und noch nüchterner wird es, wenn das Problem überhaupt erst
einmal präzise benannt wird und man Komplexität nicht scheut.
Genau das ist der Unterschied zwischen einem leeren und
einem einlösbaren Versprechen – und nur Letzteres verdient auf Dauer Vertrauen.
Das ist das Einzige, was Menschen aus illusionären Politikkonzepten herausholt
und politische Kommunikation aus der Gereiztheit des Geschreis mit seinem Odor
von Lynchjustiz befreit.
Die vier historischen Ernüchterungen
Nüchternheit und die Drama Queen
Ilusionäre Lebenskonzepte und die Banalität des Daseins.
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