Illusionäre Lebenskonzepte 1: Die Ernüchterung über die Banalität des Daseins
Illusionäre Lebenskonzepte und die Ernüchterung über
die Banalität des Daseins
Man muss sich nur eine x-beliebige neunte Klasse vorstellen,
irgendwo in Deutschland, am Tag der Berufsorientierung. Der Lehrer fragt in die
Runde: Was willst du werden? Es kommen: Fußballprofi, Influencerin, Content
Creator, vielleicht Ärztin. Sagt dann einer: Bäcker, wie mein Vater, wird kurz
gelacht. Nicht böse, nur überrascht – so, wie man über eine Ambition von
vorgestern lacht. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, mit einer Bäckerlehre
tatsächlich als Bäcker zu arbeiten, um ein Vielfaches höher als die, mit
selbstgedrehten Videos als Creator zu leben. Gelacht wird trotzdem über den
Falschen.
Man könnte einwenden: Was ist daran neu? Gesellschaften
haben ihren Mitgliedern immer große Versprechen gemacht. Die
Einigungsbewegungen des 19. Jahrhunderts versprachen nationale Größe – und
lieferten sie, jedenfalls machtpolitisch. Die Technik- und Medizingeschichte
versprach die Beherrschung von Hunger, Seuche und Distanz – und hat, gemessen
an Lebenserwartung und Kindersterblichkeit, tatsächlich geliefert. Große
Versprechen sind keine Erfindung der Gegenwart, und ihre partielle Einlösung in
der Moderne ist beachtlich. Gleichzeitig hat das aber auch die Erwartungen ins
nahezu Metaphysische gesteigert. Und was sich noch geändert hat: die Reichweite
in die einzelne Biografie hinein. Jene Versprechen waren kollektiv; man musste
ihnen nicht persönlich gerecht werden, um an ihnen teilzuhaben, es reichte,
dazuzugehören. Das Versprechen der Gegenwart dagegen ist personalisiert: Nicht
die „Nation“ soll groß werden, sondern „du“. Nicht die „Menschheit“ soll die
Krankheit besiegen, sondern „dein Körper“ soll makellos sein. Und es wird nicht
mehr punktuell verkündet, sondern beiläufig mitgeliefert, es ist eine Grundierung
öffentlicher Kommunikation geworden.
Die Illusion ist demokratisiert worden: Jeder soll jetzt
beanspruchen, was früher wenigen vorbehalten war. Und sie ist medial epidemisch
geworden, weil sie an kein Territorium mehr gebunden ist, sondern an das
Smartphone in der eigenen Hand. Aus dem Traum vom Märchenprinzen ist ein
Alptraum geworden: Weil er als realisierbar gilt und als realisierbar vorgegaukelt
wird.
Illusionäre Lebenskonzepte sind vor diesem Hintergrund keine
schlichten Irrtümer, sondern Rahmungen des eigenen Lebens (ein „Framing“), die eine optimale Form
versprechen. Sie gelten als normaler, redlich erreichbarer Anspruch, obwohl sie
strukturell nur einer verschwindenden Minderheit offenstehen. Das Perfide daran
ist nicht die Illusion selbst, sondern ihre Tarnung als Realismus: Sie treten
nie als eines von mehreren Konzepten auf, sondern als das, was eben
herauskommt, wenn man dranbleibt. Wer sie hinterfragt, wirkt nicht klarsichtig,
sondern resigniert oder reaktionär.
Die Medien, die im letzten Kapitel schon als Bühne der Drama
Queen auftauchten, gehören hier noch einmal ins Bild – diesmal als Verschieber
des Maßstabs. Was postbar ist, wird zur sichtbaren Normalität, was gewöhnlich
ist, bleibt unsichtbar. Der Vergleichshorizont verschiebt sich von der
Nachbarschaft auf die kuratierte Welt – und mit ihm die Wahrscheinlichkeit des
gefühlten Versagens. Schlimmer als die Angst vor dem göttlichen Gericht, das immerhin die Möglichkeit der Gnade, der Läuterung oder der Rehabilitierung einschloss,
ist der Shitstorm vor dem eigenen inneren Richter, der nichts anderes ist, als
die internalisierte mediale Öffentlichkeit. Es ist die Hölle.
Die alten Illusionsmaschinen
Mit „Medien" ist das aber noch zu pauschal gefasst,
denn was in der Influencer-Kultur kulminiert, hat eine Vorgeschichte, die mit
Algorithmen nichts zu tun hat. Der Roman erzählt seit Jahrhunderten Lebensgeschichten,
die Kohärenz, Sinn und einen Höhepunkt haben – daran gemessen wirkt das eigene
Leben notorisch zu formlos. Das Kino liefert den Superhelden, die Superheldin,
für die kein Problem zu groß ist, und harmloser, aber nicht folgenloser, schon
das Kinderbuch: die patente Conni, die einfach alles kann. Man lernt lange vor
dem ersten Smartphone, dass es Figuren gibt, denen nichts zu schwer ist. Old
Shatterhand für Jungs, Heidi für Mädchen. Solange der fiktionale Charakter
solcher Erzählungen klar war, ist das nicht nur kein Problem, sondern möglicherweise
für die Entwicklung von Menschen sogar nötig und wichtig. Problematisch wird
es, wenn das Bewußtsein der Fiktionalität verlorengeht. Das ist eine alte
Kritik am Roman, und sie ist nicht von der Hand zu weisen, vor allem dann, wenn
man die spezifisch „westliche“ Entwicklung des Romans auf den Hintergrund von
Industrialisierung, Massengesellschaft und Technologiedominanz versteht. Zugleich
war der Roman aber schon recht früh auch ein Mittel der Kritik und der
Darstellung sehr harter Lebensrealität, von Scheitern und Versagen. Er war schon
recht bald ein Medium, dass auch selbstreflexiv sich auf sich selbst bezog,
das, was wir Literatur nennen, kann nicht einfach als Illusionsmaschine abgetan
werden, sie findet sich in bestimmten Genres. Aber ich denke – als langjähriger
Perry-Rhodan Leser – wer „Heftchenromane“ liest, weiß, was er/sie liest, und es
ist LESEN, ein Vorgang aktiver Aneignung.
Der Unterschied zu heute liegt nicht im Illusionsgehalt,
sondern in der Kennzeichnung. Roman, Film und Kinderbuch markieren sich als
Fiktion – Buchdeckel, e-reader und Kinosaal bilden einen Rahmen, den man
mitsieht. Das kuratierte Leben in den social media trägt keinen solchen Rahmen.
Es behauptet, Dokument zu sein, nicht Erzählung. Genau das macht es zur
wirksameren Illusionsmaschine: unmarkiert, und deshalb kaum als Fiktion
durchschaubar. Oder zumindest leichter für bare Münze zu nehmen.
Zur Ursachenfrage
Der Erziehungswissenschaftler Thomas Ziehe beschrieb schon
1979, im Sammelband „Narziß. Ein neuer Sozialisationstypus?", eine Jugend,
die anders als die Generation vor ihr nicht mehr gegen verbindliche Pflicht-
und Ordnungswerte aufbegehrte, sondern in eine „kulturelle
Entstrukturierung" hineinwuchs: Milieus und Rollen lösten sich auf, an
ihre Stelle trat der Zwang, Identität fortlaufend selbst herzustellen. Ziehe
sprach von wachsendem „narzisstischem Leidensdruck" – man wächst nicht
mehr in ein Leben hinein, man muss es sich entwerfen, und ein Entwurf kann,
anders als eine übernommene Rolle, jederzeit misslingen, ohne dass sich das
noch auf äußere Umstände schieben ließe. (Dieselbe Generation ist später
übrigens auch die, die einen harten ökologischen Realismus einfordert, den
ältere Jahrgänge oft verweigern – eine Beobachtung am Rande, die ich hier nicht
zur Generationenthese ausbauen will). Ich halte Ziehes Erklärungen nicht für
der Weisheit letzten Schluß, aber seit damals – ich war Student und von diesen
Erklärungsmustern sehr überrascht und fühlte mich erkannt – halte ich das für
eine valente Spur, auch wenn man mit generationalen Erklärungen sehr vorsichtig
sein sollte. Aber ich glaube, die Tendenz stimmt, die „narzisstische“ Persönlichkeitsstruktur
liegt oft sogar spürbar unter autoritärem Gehabe, das mehr Kränkung enthält als
eigentlichen Machtwillen. Ich bin aber
zu wenig sozialpsychologisch gebildet, hier mehr als einen begründeten
Denkanstoß zu liefern.
Das Geschäftsmodell der Unzufriedenheit
Am greifbarsten wird das in der Influencer-Kultur. Das
Prinzip ist einfach: Man zeigt, wie man lebt – aber nicht, wie man wirklich
lebt. Man zeigt eine kuratierte Version, optimiert für maximale Wirkung: nicht
die Wohnung, wie sie ist, sondern wie sie im besten Licht aussieht. Die
Botschaft bleibt gleich: So könnte dein Leben aussehen. So sollte es aussehen.
Nun gibt es inzwischen auch die Umkehrung: das eigene Chaos dokumentieren, die
überforderte Mutter, der psychisch angeschlagene Student, der verlassene Ehemann,
die gescheiterte Berufskariere – das Fatale daran aber ist, dass man selbst dann
mit 100.000 Followern nicht wirklich „gescheitert“ ist, jedenfalls in den Augen
derer, die folgen. Es sind sehr fatale Teufelskreise, die sich hier öffnen und
einen nüchternen Blick auf Lebensrealität sehr schwer machen.
Das Resultat ist kalkuliert: ein leises, hartnäckiges Gefühl
der Unzulänglichkeit. Das eigene Leben wird zur Baustelle – die eigene Wohnung
wirkt auf einmal zu klein, selbst das eigene Scheitern zu popelig. Dieser
Vergleich erzeugt Nachfrage, nach Produkten, nach dem nächsten Schritt zur
optimierten Version des eigenen Lebens. Das Geschäftsmodell funktioniert nicht
trotz der Unzufriedenheit, sondern wegen ihr. Zufriedenheit wäre das Ende des
Marktes – ein Prinzip, das weit über Influencer hinausreicht, etwa in der
Werbe- oder der Selbsthilfebranche: Erzeuge das Bild eines besseren Selbst,
verkaufe dann den Weg dorthin.
Der Ausbildungsmarkt: Bäckerlehre gegen Influencer-Traum
Zurück zum Anfang: Was
in jener Klasse zum Lachen reizt, lässt sich auf dem Ausbildungsmarkt in Zahlen
übersetzen, und die Zahlen geben dem Lachen nicht recht. 2015 fand das
Bäckerhandwerk noch für rund 18.800 junge Menschen eine Lehrstelle, zehn Jahre
später nur noch für etwa 11.400 – ein Rückgang um mehr als ein Drittel. Das
liegt nicht an fehlendem Interesse der Betriebe: 2021 blieb fast jede dritte
Bäckerlehrstelle unbesetzt, und bundesweit standen 2024 rund 69.400 offene
Ausbildungsplätze etwa 70.400 erfolglosen Bewerbungen gegenüber – zwei fast
deckungsgleiche Zahlen, die trotzdem nicht zueinanderfinden.
Auf der anderen Seite der Schere: Über 40 Prozent der
befragten Abiturient:innen können sich laut einer Studie der PFH Göttingen eine
Karriere als Creator vorstellen, wollten aber nur drei Prozent direkt nach dem
Abitur tatsächlich damit beginnen – der Traum bleibt meist Tagtraum. Wer es
dennoch versucht, braucht Jahre: Mehr als ein Drittel der Creator ist laut
einer IW-Köln-Erhebung seit vier Jahren oder länger aktiv, bevor überhaupt eine
tragfähige Reichweite entsteht, und der Markt gilt längst als gesättigt. Vom
Lottogewinn als Berufswunsch hat man sich verabschiedet, vom Creator-Traum noch
nicht ganz.
Body-Shape
Ähnlich, nur stiller, verhält es sich mit dem Körper. Das wäre ein eigenes Buch wert und ist so
zentral geworden, dass es für mich geradezu ein Schlüssel zur Gegenwart ist, ich
kann es hier nur skizzieren - ich kenne
niemanden, der bei diesem Thema nicht „struggelt“. Und es geht hier nicht einfach um „Schönheitsideale“,
es geht um ein Weltgefühl überhaupt, um Macht und Behaustsein, Geburtlichkeit
und Sterblichkeit: „Körper“ ist ein zentrales Thema der modernen Illusionsmaschine.
Was in sozialen Medien als Normalbild kursiert, ist eine
hochselektive Auswahl aus vielen verworfenen, oft bearbeiteten Aufnahmen – wird
aber, gerade weil sie sich tausendfach wiederholt, nicht als Ausnahme
wahrgenommen, sondern als Durchschnitt. Der tatsächliche Durchschnitt, also
fast jeder Körper, fühlt sich daran gemessen chronisch defizitär an. Wieder ist
das säkulare Gericht hier gnadenlos. Du bist immer zu fett oder zu dünn.
Hier ist die Illusion nicht nur unangenehm, sondern
gefährlich, und zwar vor allem für Frauen. Nach Daten des Robert-Koch-Instituts
zeigen rund 34 Prozent der Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren in Deutschland
Symptome einer Essstörung, bei gleichaltrigen Jungen sind es etwa 12 Prozent;
über die Lebenszeit erkranken Frauen etwa siebenmal häufiger an Magersucht als
Männer. Der Zusammenhang mit den Plattformen selbst ist dabei keine bloße
Vermutung: Facebooks eigene interne Studien, 2021 durch die Whistleblowerin
Frances Haugen bekannt geworden, kamen zu dem Ergebnis, dass sich bei etwa
jedem dritten Teenager-Mädchen mit bereits negativem Körpergefühl die
Selbstwahrnehmung durch Instagram weiter verschlechtert.
Der Achilles-Effekt
Die vielleicht hartnäckigste dieser Illusionen betrifft die
Erinnerung. Ich nenne sie den Achilles-Effekt, nach dem homerischen Helden, der
zwischen einem langen, unauffälligen Leben und einem kurzen, unvergessenen
wählen musste – und sich für Letzteres entschied. Viele Lebensentwürfe teilen,
unausgesprochen, genau diese Prämisse: Man will ein Leben führen, an das sich
später mehr als eine Handvoll Menschen erinnert. Nüchtern betrachtet ist das
der unwahrscheinlichste Wunsch von allen. Rund 117 Milliarden Menschen haben
nach Schätzungen des Population Reference Bureau je gelebt; die
deutschsprachige Wikipedia führt gut eine Million Personenartikel, um es mal an
einem etwas platten Beispiel vorzuführen. Öffentliche Erinnerung bleibt damit
eine Ausnahme im Promillebereich – nicht, weil so wenige etwas geleistet
hätten, sondern weil Erinnerung ein knappes Gut ist, das jede Generation neu
verteilt. Die Medial Sichtbarkeit erzeugt extreme statistische
Unwahrscheinlichkeiten in den Erwartungen.
Auch das Private wird zum Versprechen
Beruf, Körper, Erinnerung sind noch die öffentlichen
Beispiele. Es gibt eine stillere Schicht, die ich selbst noch nicht ganz
durchdrungen habe: das heitere Alter ohne Gebrechlichkeit, die Partnerschaft
ohne nennenswerten Streit, eine Sexualität, die immer funktioniert. Auch hier
wird der statistische Normalfall zur persönlichen Unzulänglichkeit, weil ein
kuratiertes Gegenbild ständig verfügbar ist. Nur gibt es hier kaum belastbare
Zahlen – vielleicht, weil über diese Bereiche selbst in einer freizügigen Gesellschaft
am wenigsten ehrlich gesprochen wird. Ausgerechnet dort, wo die Illusion am
schwersten zu belegen ist, scheint ihr Frustrationspotential am größten. Auch
ich komme hier über Vermutungen nicht hinaus. Aber meine seelsorgerliche Praxis
über fast 40 Jahre hat hier zumindest eine anekdotische Evidenz erzeugt: Viele Menschen haben absolut illusionäre Erwartungen, was ihr persönliches und
privates Leben betrifft. Das hat mich oft ratlos gemacht: Wie einen Menschen
trösten, wenn er über eine Illusion trauert?
Scheinbare Gegenmittel
Naheliegend wäre der Einwand: Gibt es nicht längst
Gegenbewegungen? Body Positivity gegen den Schönheitszwang, Fuckup-Kultur gegen
den Erfolgszwang, das therapeutische „Du bist gut genug" gegen die
Selbstoptimierung. Das Problem ist, dass diese Gegenkonzepte in derselben
Grammatik gefangen bleiben, gegen die sie antreten. „Du bist gut genug"
beantwortet eine Frage – bin ich genug? –, die es ohne die Illusion gar nicht
gäbe, und hält sie damit lebendig, während es sie zu beruhigen vorgibt. Body
Positivity bewertet den Körper immer noch, nur mit umgekehrtem Vorzeichen; die
Vergleichslogik bleibt intakt. Fuckup-Kultur feiert das Scheitern meist nur
insofern, als daraus am Ende eine Erfolgsgeschichte wird, was die Kränkung des
bloßen, folgenlosen Misserfolgs eher verstärkt als lindert. Solche
Gegenbewegungen sind rein dialektisch: Sie existieren nur als Reaktion und
können folglich nichts anbieten, was über eine Umkehrung des Bestehenden
hinausginge. Eine wirkliche Alternative müsste dekonstruktiv sein – sie müsste
die Frage selbst für hinfällig erklären, statt sie neu zu beantworten. Eine hochkomplexe
Anforderung. Auch hier schließt sich ein Kreis. So simpel die Ursache ist – Illusion
– so komplex ist die Antwort. Ich halte das für eine der stärksten Herausforderungen
der Moderne: Hier wird die Erfordernis der Nüchternheit zu einem sehr
schmerzhaften Prozess.
Die Grammatik der Illusion
Illusionäre Lebenskonzepte arbeiten immer im Komparativ, nie
im Indikativ: nicht „gut“, sondern „besser“ – wobei offenbleibt, besser als
was, und das Ziel sich verschiebt, sobald man ihm nahekommt. Das ist kein Bug,
sondern das Feature: Die Unerfüllbarkeit ist der Antrieb.
Sie machen außerdem das Leben zum Projekt. Wer sein Leben
als Projekt führt, lebt im Verhältnis zu einem Soll-Zustand, der noch nicht
erreicht ist; die Gegenwart wird zum Durchgangsstadium. Was dabei verschwindet,
ist die Kontingenz – dass Leben von Zufällen und Wahrscheinlichkeiten abhängt,
die man sich nicht aussuchen kann. Und was natürlich völlig aus dem Blick
kommt, ist das, was in der Theologie „Eschatologie“ heißt: Das Vollendung ein göttliches
Werk ist. Aber theologisch halte ich mich vorerst zurück, damit es nicht wie
billige Antworten aussieht.
Illusionäre Lebenskonzepte externalisieren die Verantwortung
für das Misslingen. Geht das Konzept nicht auf, habe es an der eigenen
Disziplin gelegen, nicht am Konzept. Das ist die eigentümliche Immunität der
Illusion: Sie kann durch Scheitern nicht falsifiziert werden, nur der Einzelne,
der an ihr scheitert. Eine bemerkenswert schizoide Abspaltung: Ich bin daran schuld,
nicht daran schuld zu sein, schuld zu sein, dass es schiefgeht.
Normalität als Entsagung. Das „Sparen“
In einer Gesellschaft des Überflusses fühlt sich das
normale, statistisch wahrscheinliche Leben an wie ein Verzicht – als hätte man
auf etwas verzichtet, das eigentlich in Reichweite lag. Das ist eine verzerrte
Perspektive, und zwar präzise: Entsagung setzt voraus, dass etwas verfügbar war
und freiwillig aufgegeben wird. Bei alldem, wovon hier die Rede war, war aber
nie etwas verfügbar – die Wahrscheinlichkeit war von Anfang an verschwindend
gering. Was wie Verzicht aussieht, ist nur die Normalität selbst, umetikettiert
durch einen aufgeblähten Vergleichsmaßstab. Dann gilt auf einmal der
sarkastische Satz: „Die Normalität ist das Schreckliche, an das man sich gewöhnt
hat“ auf einer ganz anderen Ebene, nämlich der des normalen, einfachen,
bürgerlichen Lebens. Dann wird selbst
die gut vor sich hinlaufende, halbwegs gesicherte Existenz zur Defiziterfahrung.
Es ist fatal, das als „Wohlstandsverwahrlosung“ abzutun und zu diffamieren. Der
Kummer ist echt, das Verlangen ist tief.
Das wird relevant, sobald später von Askese die Rede ist.
Echte Askese – freiwilliger Verzicht auf tatsächlich Vorhandenes – ist nur
denkbar, wo Überfluss herrscht. Wo Knappheit herrscht, ist Verzicht kein Akt,
sondern Normalzustand. Die Pseudo-Entsagung der Überflussgesellschaft ist von
beidem verschieden: Sie verzichtet auf nichts, was da war, sie bildet nur einen
Mangel ein, den es nicht gibt.
Deswegen ist ja auch der Begriff „Sparen“ so seltsam dysfunktional
geworden. Wenn ich aufhöre, Geld auszugeben, das ich nicht habe, „spare“ ich
nicht: ich höre auf, über meine Verhältnisse zu leben. Hier führt der
politische in Mode gekommene Begriff für haushalterische Nüchternheit in die Irre.
Ich „spare“, wenn ich von dem, was ich habe, nicht ausgebe,
was ich für später brauche. Das ist nur dann „Verzicht“, wenn ich ohnehin schon
wenig habe. Habe ich Überschuss, dann ist nur dann Verzicht, wenn ich unbedingt
einen Porsche will, obwohl ich mir den „eigentlich“ nicht leisten kann. Nun ist
das noch ein realistisches Ziel. Wenn ich aber für etwas „spare“ das
Unerreichbar ist, dann wird „sparen“ zu dem grotesken Versuch, durch Verzicht
eine Illusion zu nähren. Das klingt nicht nur irre, das ist irre.
Die Banalität des Daseins
Wenn Normalität sich wie Verzicht anfühlt, muss man fragen:
Verzicht worauf eigentlich? Dahinter steckt, genauer besehen, etwas
Grundsätzlicheres als „Ruhm“ (fame im Sine des Achilles-Effekts) oder der
perfekte Körper. Alle hier versammelten illusionären Lebenskonzepte verkaufen
im Kern dasselbe Versprechen: dass man dem Grundzustand des Daseins entkommen
kann. Und dieser Grundzustand ist, nüchtern betrachtet, banal. Die meisten Tage
gleichen einander, die meisten Körper altern nach demselben Muster, die meisten
Menschen werden vergessen, ALLE werden sterben. Das ist keine persönliche
Verfehlung, sondern die Struktur der Sache.
Die eigentliche Ernüchterung, um die es hier geht, ist
deshalb nicht, dass der eigene Traum ausbleibt. Es ist die Erkenntnis, dass das
Dasein selbst, unabhängig davon, wie gut man es führt, banal bleibt – und dass
die illusionären Lebenskonzepte genau davor fliehen sollen. Sie sind kein
Versprechen auf ein besseres Leben, sondern ein Fluchtmanöver vor der Zumutung,
dass Leben im Wesentlichen aus dem besteht, was niemand postet.
Was das mit der Gereiztheit zu tun hat
Die großen Ernüchterungen der Geschichte hinterlassen Wut,
weil eine gemeinsame Erzählung kollabiert. Diese hier hinterlässt Wut in
kleinen, täglichen Dosen: weil ein privates Versprechen nie eingelöst wird, und
weil dahinter die Zumutung der Banalität selbst lauert, vor der das Versprechen
eigentlich schützen sollte. Das Scheitern gilt als eigenes Versagen, nicht als
Wahrscheinlichkeit – und das Eingeständnis, dass ein banales Leben das Übliche
ist, fühlt sich an wie Kapitulation. Ein nüchternes Lebenskonzept konkurriert
unter diesen Bedingungen mit einem Versprechen, das lauter ist und sich
moralisch überlegen anfühlt. Wer nüchtern bleibt, wirkt schnell, als gäbe er
sich mit zu wenig zufrieden. Dabei ist die Differenz „Scheitern – Gelingen“ das
eigentliche Problem. Das wäre mal ein gutes Thema für eine neunte Klasse. Denn wenn das politisch wird, wird es besonders fatal.
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