Einladung
Warum?
Dieser Blog ist Ausdruck einer Art Verzweiflung: Nicht erst die Coronakrise, die aber dann mit Macht, sondern die gesamte Entwicklung des öffentlichen Diskurses zeigt eine für mich erschütterndes Fehlen, möglicherweise sogar einen Verlust an Nüchternheit - einer der ihrer Herkunft nach urprotestantischen Tugenden, die, mit Verkniffenheit und Freudlosigkeit verwechselt, wie viele Tugenden in Misskredit geriet.
Es machen sich Geschrei, Populismus, Gefühlsduselei, Zynismus und eine Art „egoistischer Relativismus“ („das muss jeder für sich selbst entscheiden“) breit , die eine Diskussions- und Entscheidungskultur erzeugen, bei der mir jedenfalls Angst und Bange wird.
Das Erscheinen von Donald Trump als amerikanischem Präsidenten hat dem nur noch die Krone aufgesetzt. Spätestens jetzt wird es Zeit, danach zu fragen, ob wir nicht alle den Verstand verloren haben. Aber nicht als endloser Rant, sondern als nüchterne, auf längere Zeit angelegte Untersuchung und Überlegung.
Ich möchte der Nüchternheit eine Lanze brechen und einen Blick darauf werfen, was mit dieser Tugend heute gemeint sein kann. Das mache ich als Theologe.
Aber ich bin zutiefst überzeugt, dass ich auch ohne die theologischen Argumente, die ja gar keine logischen Argumente, sondern narrative Ent-faltungen sind, hier etwas beitragen kann zum Diskurs. Theologische Ethik kann überzeugen nur dann, wenn sie auch ohne Gott funktioniert (warum das so ist, entfalte ich später). Und vielleicht ist es für die eine oder andere Leserin, den einen oder anderen Leser, der Theologie entwöhnt, auch mal ganz interessant, in diese verblassende kulturelle Denkform einzutauchen.
Woher?
Ich bin, darauf gehe ich auch irgendwann noch einmal ein, wenn es eine Rolle spielt, in einem relativ nüchternen und spröden, im besten Sinne "protestantischen" Umfeld großgeworden. Das weiß ich aber erst, seit ich in der Welt herumgekommen bin, und z.B. in Gestalt des rheinischen Katholizismus oder des schwäbischen Pietismus sehr andere Lebensweisen kennenlernte.
Explizit als Begriff, der mich seitdem nicht mehr losließ, begegnete mir „Nüchternheit“ während einer Freizeit in einer ev. Kommunität zu Beginn meines Studium, 1979. Da war ich 19.
Dort wurde, fern von jeder spirituellen Schwurbelei und Gefühlsduselei, jeden Tag eine Komplet, ein Gebet zum Tagesabschluss, gefeiert. Die Komplet, die klösterliche Traditionen aufnahm, begann mit einem Psalm, der wiederum von einer Antiphon eingeleitet und abgeschlossen wurde, einem Vers aus dem neuen Testament. Und der traf mich ins Herz und ist bis heute einer der Leitsätze meines christlichen Lebens - auch wenn ich ihn heute nicht mehr so heroisch verstehe wie als neunzehnjähriger Jüngling.
"Brüder seid nüchtern und wachsam, denn der Teufel umschleicht euch wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge." (1. Petrus 5, 8)
Der Teufel umschleicht uns. Ich muss nicht betonen, dass ich nicht an den Teufel glaube, wohl aber an das Teuflische. An das, was uns elementar bedroht und unsere Vernichtung will. Und uns dafür sowohl einschläfern will als auch - ja was eigentlich? Was ist eigentlich das Gegenteil von Nüchternheit? Trunkenheit? Völlerei? Das wird zu klären sein. Ich habe mein Theologenleben daran gearbeitet, das herauszufinden. Ich nenne es vorläufig mal den Suff. Das Wort "Trunkenheit" klingt mir zu harmlos.
Was Nüchternheit jedenfalls nicht ist: Askese um der Askese willen oder, schlimmer noch, Askese um Gottes willen. Nichts kann so verlogen daherkommen, wie Verzicht und Enthaltsamkeit, und das ist ja einer der Gründe, warum Nüchternheit (unter anderem) in Verruf geriet.
Ich veröffentliche diesen ersten Text durchaus mit Bedacht kurz vor Beginn der sog. "Fastenzeit", der wir als Protestanten nicht ohne Grund skeptisch gegenüberstehen, von der ich als Bürger des 21. Jahrhunderts aber gleichwohl sage: Sie zeigt uns etwas. Wir sind dem kollektiven Suff verfallen. Und die Sensibleren spüren das. Ob das mit religiösen Verzichtsübungen zu bewältigen ist: dazu andermal mehr.
Wohin und wie?
Aber was das heißt, und wie das in einer säkularen Überflussgesellschaft aussehen kann, ein "nüchterner Lebensstil" - das wird zu klären sein. Und zwar so, dass nicht einfach nur Appelle dabei herauskommen, die, nüchtern betrachtet, bestenfalls wirkungslos sind, schlimmstenfalls Teil des Problems (das Teuflische kommt gern in Gestalt der moralischen Ermahnung).
Tugenden müssen eingeübt werden. Und das geht nur in kleinen, praktischen Schritten der Überwindung von Falschem und des Trainings des Richtigen. Nun ist aber "das Falsche" und "das Richtige" auch schon wieder so ein Dualismus, dem, nüchtern betrachtet, nicht zu trauen ist. (So viel Dekonstruktion muss ein. Und wer nicht weiß, was das ist: Kein Problem. Ein entsprechendes Kapitel ist schon so gut wie fertig). Wir werden sehen. Es ist auch für mich eine Reise.
Ich wäre sehr froh, wenn die Texte etwas erreichten, was scheinbar ein Widerspruch ist, in Wahrheit aber trefflich ausdrückt, worum es geht: Begeisterung für die Nüchternheit.
Um es gleich vorweg zu sagen: Es geht hier nicht darum, Gefühle zu unterdrücken oder jeglicher Freude in die Suppe zu spucken. Es geht darum, die Flamme möglichst lange am Brennen zu halten, aber so, dass sie noch Licht gibt. Und das bedeutet: die Kerze und den Docht pflegen. Sehr nüchterne Tätigkeiten.
Und doch lebenswichtig.
Und vielleicht erkennen wie hier schon einen weiteren möglichen Grund, warum die Tugend der Nüchternheit verschwunden ist: Sie ist eine Tugend des Kampfes, ja sogar des Krieges. Sie ist eine Tugend des Überlebens, und möglicherweise verliert eine Wohlstandsgesellschaft etwas die Wahrnehmung dafür, dass das Leben eben auch, und für die große Mehrheit der Geschöpfe fast ausschließlich, Kampf ist und die Welt ein schrecklicher Ort herumschleichender Teufel. Aber Kampf wogegen und wofür? Warum wachsam und nüchtern sein und nicht dösig und besoffen? Weil wir in einer verwundbaren, sterblichen, begrenzten Welt leben. Als verwundbare, sterbliche und begrenzte Wesen. Diese Einsicht ist die nüchternste von allen. Ein Blick auf den Tod wird uns nicht erspart bleiben.
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Mein Ziel ist ein Text pro Woche, sie werden von sehr unterschiedlicher Art sein, je nach Thema. Ich werde im Nächsten Abschnitt mal einen Überblick geben, was ich schon so bearbeitet habe. Wer den Blog abonniert, bleibt dran. Wenn viele abonnieren, bleibe ich auch dran. Die Kommentarspalte ist offen, ich erlaube mir aber, zu moderieren
Ich bin gespannt.
AntwortenLöschenKlingt auf jeden Fall interessant!
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